Wer sich auf die eigene Reise macht, ist noch lange nicht am Ziel

(Auf der Suche nach Gal- Part 2 von der "flotten Dreier"Trilogie)


"Du hast auf das falsche Pferd gesetzt!

Er ist nichts für dich. Höre auf mich!“


6 Stunden vorher:

Draußen dämmert es.

Alles ist wie immer, als ob ich nie weg gewesen wär.

Jooddoo ist in der Küche und schnippelt Gemüse, Lilkaman raucht Zigarillos und seine Frau Amba hat wie immer alles im Blick.

Die Sonne geht unter, unruhig schwinge ich in meiner Hängematte. Alle sind hier, bis auf einen der fehlt.

Wo ist Gal?


#Neil-Island, 4 Stunden nach meiner Ankunft im Sun Rise Beach Resort Neil:


Die Nacht bricht herein, die ersten Sterne zeigen sich am schwarzen Horizont. Grillen singen in den hohen Gräsern, als das Meer im Hintergrund zornig gegen die Felsen peitscht.

Noch immer fehlt jede Spur von ihm....


Ich ahne Schlimmes. Er hatte Zeit.

Genug Zeit, um es sich anders zu überlegen? Jedes Wort, jede Geste, jede Handlung gehe ich im Geiste wieder und wieder durch.

Was ist passiert?


Amba zündet mit einem Streichholz Gaslampen an und verteilt sie im Garten. Teilnahmslos beobachte ich sie bei der Arbeit, als ich entdecke, wie ihr sonst so taffer Ehemann ihre weichen, femininen Bewegungen im Schutz der Dunkelheit beobachtet.

Entzückt entwischt ihm ein heimliches Lächeln. Hinter versteckter Hand kichere ich einen Augenblick mit ihm, bevor meine untröstlichen Mundwinkel wieder nach unten gehen.


Es ging mir hervorragend, sogar ausgezeichnet – bis er kam.

Ich dummes Mädchen, was dachte ich nur, was dachte ich nur ....


Elegant streift sie an mir vorbei, stellt eine ihrer flackernden Lampen neben meiner Hütte ab.

In den gesamten 11 Tagen, die ich vorher mit ihnen auf der Insel verweilte, hat sie das nie getan. Kein einziges Mal.

Vielleicht, wer weiß das schon, hofft sie insgeheim für uns beide und wünscht sich, dass ihr Licht ihn doch noch hierherführt.

Heimlich blicke ich in ihr warmherziges Gesicht mit dem roten Bindi zwischen ihren dichten Augenbrauen und denke zurück an den Himalaya.


Erkenntnis der Situation: Spiritualität zu Leben ist einfacher, wenn man abgeschottet in den Bergen lebt und nicht mehr auf die Liebe hofft.


Eine Nacht muss ich ausharren. Nur eine.

Morgen früh fahr ich dann zurück an den Hafen. Das zweite meiner Tickets schenke ich Tun Tun, Lilkaman's Neffen, soll er es verschleudern oder auf dem Schwarzmarkt verkaufen .... Hauptsache ich muss es nicht mehr sehen.


Lilkaman räuspert sich als er unsicher nach meiner wackligen Veranda greift und nach Feuer fragt, wenngleich sein Glimmstängel schon brennt.

„Die letzten Tage“, so sagte er behutsam „hat er in einem anderen Guesthouse, ein paar Kilometer weiter gewohnt“.

Jodoo nickt ihm zustimmend im Hintergrund während er am maroden Gaskocher Wasser siedet.

„Heute Morgen ist er hier her umgezogen. Er wohnt drei Hütten weiter. Gleich dort drüben, sieht du?“ Sein Blick zeigt auf die letzte Bambushütte, die alleine auf leisen Sohlen, hinter einer Palme steht.

„Sein Rucksack und Papiere sind hier. Er wird noch kommen, ganz bestimmt“.


Bemüht quäle ich mir ein Lächeln ins Gesicht, entdecke drei Schweißperlen auf seiner Stirn und weiß, dass auch er es schwer hat. Lilkaman ist kein Tröster, nein. Er versucht es aber trotzdem.


Mutlos schwinge ich in meiner Hängematte weiter.


#Neil Island – 5 stunden nach der Ankunft im Guesthouse:



Musch Musch, ein gulaschroter Streunerkater, leistet mir Gesellschaft. Er residiert unter meiner löchrigen Hängematte und erfreut sich den ins Koma befördernden Streicheleinheiten.

Ich lausche seinem Schnurren und wünschte, ich besäße so viel innere Ruhe wie er.

Doch meine Nervosität steigt immer mehr, da hilft mir auch kein Mantra mehr.


„Warum denn gar so ernst?“, ruft Andy über meine Veranda, als er sich selbstbewusst in seinen weißen Plastikstuhl fallen lässt. „Ist dir eine Maus über die Leber gelaufen?“

„Mit Mäusen, Kakerlaken und Rindviechern komm ich klar, das ist Indien!“, antworte ich prompt. „Mit dem Israeli aber nicht, den krieg ich nicht gebacken.“


„Achso, Gal“, antwortete er mit belegter Stimme. "Du wartest auf ihn?“

Das weiß er doch, alle wissen es, nur Gal der weiß es nicht ...


"Ich soll dir ausrichten, dass er später kommt, das habe ich vergessen“, erwähnt er beiläufig, als er in seiner Zeitung liest.

Seine Worte stürzen wie ein Vorschlaghammer ein, zerschellen mich in 1000 Stücke und formen mich gleichzeitig neu.


Erkenntnis einer allein-reisenden: Wenn du glaubst es geht nicht mehr, kommt von irgendwo ein Hammer- bardon Lichtlein her!


Augenblicklich erwache ich aus meinem dösenden Zustand und schieße wie ein fehlgezündetes Projektil aus meinem durchgelegten Fetzen.

Musch Musch, macht einen Satz nach vorne. Sein Fell steht in der Senkrechten. Die Mietze wäre mir jetzt beinahe ins Nirwana entwischt und ich gleich mit ihr. Mein Herz macht sowas nur ungern mit....

Prüfender Blick nach links. Gut, die Fellnase erholt sich wieder, ist zurück auf ihren Pfoten.


„Wie Bitte? Was hast du gesagt?“, rufe ich hysterisch, als sich mein aufgestauter Frust ruckartig in Ärger transformiert.

Transfomieren?!? Da blieb wohl was hängen... Am Dach der Welt habe ich das oft gehört... wenn auch nicht so. Egal, wer will den jetzt schon kleinlich sein.


Andy sieht kein einziges mal von seiner Lektüre auf, würdigt mich keines Blickes.

Lilkaman schüttelt argwöhnisch den Kopf, wirft seine Zigarette auf den trockenen Boden und verabschiedet sich wortlos.

Jetzt sind es nur wir zwei!


5,5 Stunden nach meiner Ankunft - Keine Zeit für Freundlichkeiten!

„Na du hast Nerven“, schnauze ich ihn voller Inbrunst an.

„Sonst auch noch was? Nur keine Schüchternheit, Andy! Sag schon, was ist hier los?? Wo ist Gal?! ?! Und was weißt du, was wir nicht wissen?“

„Nichts“, sagt er mit einer abwinkenden Handbewegung. „Was soll ich wissen? Aber komisch kommt mir das schon alles vor!“

Nervös laufe ich auf meiner kleinen Terrasse auf und ab.

„Was kommt dir KOMISCH vor?! Wovon sprichst du Andy?”


Gleichgültig schüttelt er mit seinem Kopf.

Meine Stimme wird lauter.

„Lass dir nicht alles aus der Nase ziehen! Ich bin müde, genervt und hungrig.

Würdest du mich ein paar Tage länger kennen, wüsstest du, dass das eine böse Kombination ist! Also, bitte! Was ist hier los?“

„Okay, okay, ich hab verstanden“. Langsam legt er seine englische Zeitung nieder. „Ich weiß im Grunde genommen gar nichts, außer ...“

„Außer was?“, frage ich mit scharfer Zunge, während ich ungeduldig an meinen Fingerkappen nage. „Was weißt du?“


„Gal hat dich verpasst. Er hat deine Postkarte von einem Taxifahrer bekommen, als er mit dem Fahrrad zu dir an den Hafen fuhr.

Später kam er zu uns zurück. Die letzten Tage haben wir ihn kaum zu Gesicht bekommen. Bis heute.“


Weiter Andy und dann?“ Ungeduldig tappe auf der Stelle.

„Da du gestern nicht ankommen bist, war er sich sicher, dass du heute kommst.“

„Er fragte Lilkaman ob er dich heute abholen könne, anschließend fuhr er auf den Wochenmarkt. Ich glaube er wollte Wäsche machen.“


"Wäsche?“, frage ich irritiert und zünde mir eine Zigarette an. “Er ist nicht hier, weil er Wäsche macht?“


Andy zuckt wortlos mit den Schultern.

„Weißt du Birgit“, fährt er skeptisch fort, „mir gefällt das nicht. Du und Gal? Also wenn du mich fragst, ich finde das passt nicht.“

Entsetzt schaue ich ihn sein faltenfreies Gesicht.

„Du findest das passt nicht? Und warum, wenn ich fragen darf, passt das nicht“? Aufgebracht fahre ich fort. „Und es gibt kein Birgit UND Gal. Nicht so wie du das sagst. Es heißt Birgit und Gal verstanden?“

Andy schweigt für einen Moment, während ich hyperventiliere und ihm gedanklich eine richig verpasse.


„Hat er dir erzählt Andy, dass er mich auf die Little Andamanen begleiten will?“, setzte ich erneut an während ich mich gleichzeitig in yogischer Atmung versuche.

Ja, ja das hat er wohl“, antwortet er nickend .„Aber für meinen Geschmack hätte er mehr Euphorie zeigen können“!

„Euphorie?? Er war nicht euphorisch genug“, frage ich entsetzt während ich innständig hoffe, mich verhört zu haben.

„Er meinte...“


„Herrgott noch mal Andy, spuck es aus und hör auf herum zu Eiern! Würde ich eine Vorliebe für falsche Freundlichkeit haben, wäre ich zuhause geblieben oder in Amerika aber nicht hier in Indien!

Jetzt sag schon!!!“


„Ach, ich weiß auch nicht“, sagt er verzagt. „Er will dich schon begleiten. Aber er ist unsicher“.

„Unsicher?? Unsicher hast du gesagt?“, schießt es verzagt aus mir heraus.


„Er sagte, dass surfen vielleicht nichts für ihn sei, und so .... Und wenn es ihm nicht gefallen würde, käme er einfach wieder hier her zurück.“

Ich muss mich setzen.

„Das hat er gesagt? Genau so Andy? Das waren seine Worte?“


"Birgit, du setzt aufs falsche Pferd. Er ist nichts für dich! Höre auf mich!”


Meine Gedanken fahren Rollercoster...


"Du kennst ihn nicht“, schiebt Andy nach, „wer weiß, vielleicht nimmt er Drogen? In Israel sind sie doch alle verrückt!“


Der Vorschlaghammer trifft mich erneut, nur dieses Mal bleibe ich ein Meer aus tausend Scherben.


7,5 Stunden nach meiner Ankunft

Regungslos schaukle ich in meiner Hängematte, nippe an meiner lauwarmen Bierflasche und höre Songs von Bob Marley.

Der Mond geht auf, zeigt sich versteckt hinter dem Meer aus Palmen.

Bald haben wir Vollmond, dann läuft meine Zeit hier in Indien ab und ich werde zurück nach Hause fliegen ...


„Hallo Birgit, du bist zurückgekommen, wie schön" ,flüstert eine sanfte Stimme in mein Ohr, als ich mich überrascht zu ihm umdrehe....






Vorsetzung folgt am Sonntag den 13. Feb.2022

ich freu mich auf Dich!


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