Zack Zack, wer rastet der rostet!

Zack zack, nur keine Zeit verlieren!

Das beschreibt meiner Auffassung nach Israel am besten.

Das Land aller Nationen ist so schnell, dass ich manchmal Sorge habe, ein Nickerchen zu machen. Die Gefahr ist einfach zu groß, Jesus erneute Auferstehung oder weitere Weltpolitik zu verpassen.


Egal.

Alles, was ich mache – sie machen es schneller.

Bei der Fahrt über die verstopften Autobahnen werde ich rotzfrech von links überholt oder sie kleben an meiner Stoßstange. Ja, Sonntagsfahrer aufgepasst...


Auch ich bin zu langsam für das kleine, wüsten-durchzogene Land, das weniger Distanz zu seinen Mitmenschen aufweist als Strandliegen im Hochsommer an der Adria. Da fühlt man sich auch wie eine Ölsardine ....

Ja, Abstand halten ist dem jungen Volk so fremd wie „Schnitzel mit Marmelade“, das kennen sie nicht.

Tiefer und tiefer arbeitet sich nun auch noch der Feinstaub durch die Autolüftung, der auch unaufhörlich an mir klebt. Pfui, Pfui, ist man denn hier nie allein?


Aber der unangefochtene Tiefpunkt der Spritztour bleibt aber er, der Parkplatz.

Da überlege ich noch, wie ich meinen Schulterblick in eine ansehnliche Position bringe, da haben die Landsmänner schon fertig einkauft, ausgeparkt und küssen weitere Stoßstangen auf ihrem Weg nachhause....


Nein!

Dieses Mal übertreibe ich nicht!

Der Lautere gewinnt. Immer. Das ist Gesetz.

Welcome to Israel, or welcome to the jungle…


Abgekämpft stehe ich in der Kassenschlange und fühle mich wie im Urwald. Hier draußen gewinnt der Stärkere.

Links, rechts, von allen Seiten werde ich mit strategischen Tricks überholt, während Bananen vorab verkostet und die Schokopapierchen, in der Versenkung verschwinden.

Passanten an der Kasse entpuppen sich zu Platzhirschen, die den ein oder anderen Platz in der Warteschlange noch gut machen wollen, während ich als langsames drei Fingerfaultier hinterher tapse und das Nachsehen habe. Zack Zack, der schellere gewinnt und wer zu zimperlich ist – wie ich - hat schon verloren.

Der Traum in Weiß im Schnelldurchlauf:

Der romantische Tag ist hier vor allem eins - schnell wieder um.

Während wir in Österreich und Deutschland, die Liebe über Stunden mit Familie und Freunden zelebrieren, kann hier schon alles wieder vorbei sein bevor du bevor du deinen „just married Scheck“, der in der Haushaltskassa immer ein bisschen wehtut (tu nicht so, das kennen wir alle!), an den neuen Absender übergibst.

Spät am Nachmittag trifft sich die Hochzeitsgesellschaft, meist unter freiem Himmel, um als Zeugen der „Ja-Sager“ sicher zu stellen, dass sie auch wirklich unter der Haube sind.

Eine ansehnliche Braut, ein Kuchen und Tisch-Wein zeigen, dass hier im kleinen Lande, auch Großes passiert. Da ist mein Gastland mit all den anderen Ländern ausnahmsweise im Flow...

Dann geht alles sehr schnell.

Bevor mein Tanzmuffel und ich es auf den künstlich angelegten Rasen schaffen, wird das letzte Lied angestimmt.

Verdutzt schaue ich Gal an. Der grinst verstohlen und ist sichtlich entzückt das sein Hüftschwung heute nur an der Bar trainiert wurde.

Gedanklich lasse ich die letzten 5 Stunden Revue passieren. Da war eine Trauung mit einem zerbrochenen Glas unter dem Schuh des Bräutigams, Essen (immer und überall der Hauptakt), ein DJ, der Brautpaartanz und das alles, während ich noch an meinem ersten Glas Chardonnay nippe.

Zack, es ist 01.00 Uhr und wir sind wieder auf dem Weg nach Hause als ich empört feststelle, dass ich nicht einmal genügend Zeit hatte, mich zu betrinken...

Nach der Speed Hochzeit ist das familiäre Interesse an der Braut, deren einweg Kleid oder der Tischdecke – sagen wir mal - überschaubar.

Auch diese Eingenheit war wie das Tempo, äußerst fremd für mich.

Denn, was hier wirklich interessiert ist das:


Wie war das Essen und ist der Catering empfehlenswert? Und wehe dir, wenn nicht...

Und was kommt nach dem Schwur?

Genau. Die Babys.

Am besten sehr viele davon...


Werdende Mütter schieben ihre Babykugel bis zum bitteren Ende schwer atmend vor sich her, um drei Monate darauf wieder Vollzeit im Beruf zu stehen.

Zack, zack .... Auch hier gibt es keine Zeit zu verlieren.

Ende 2014, das Jahr in dem Gal und ich uns kennenlernten, hatte Israel weniger Einwohner als Österreich.

Das Nah Ost Land ist achtmal kleiner als der Rot-weiß-rote Fleck im facettenreichen Europa.

Bald erreichten wir Gleichstand, um kurz darauf von dem gebärfreudigen Land überholt zu werden.

Während wir in Österreich mit 8,9 Millionen Menschen über verdichtete Bauweise diskutieren, zählt man hierzulande heute 9,3 Millionen. Tendenz steigend.

Neuste Studien haben ergeben, dass in 30 Jahren über 20 Millionen Einwohner hier leben werden.

Das erklärt den Fetisch für zerbeulte Stoßstangen, nicht wahr??

Ja, Israel liebt Kinder. Sehr sogar.


Ein streng religiöser Haushalt nennt meistens 1 Dutzend Kinder sein Eigen, normale Familien haben für gewöhnlich drei Bambinis.

Alle anderen - auch wieder ich - und Menschen im hippen Tel Aviv wirken befremdlich auf das Land mit den vielen Kontroversen.


Im Herzen der drei Weltreligionen Jerusalems, wohnen die meisten streng Orthodoxen Juden, die die Geburtenrate am konsequentesten nach oben treiben. Auch hier kommt das Tempo einer Lichtgeschwindigkeit gleich.


William Shatner alias Captain Kirk flog vor kurzem ins All, um in neue Welten einzutauchen.

Da hab ich’s besser, kann auf der Erde bleiben und muss mich nicht in andere Sphären beamen, denn mein nächstes Paralleluniversum liegt in der hiesigen Hauptstadt, nur eine Autostunde entfernt von mir.


Hunderte schwarze Mäntel, Hüte und Schläfenlocken prägen das historische Bild der verwinkelten Altstadt.

Alle machen sich auf den Weg, zur Klagemauer. Im quirligen Altstadt-Getümmel, vorbei an unzähligen Gewürzen, frischem Humus und Falafeln, sitze ich am Rand auf einer Stufe und schlürfe an meinem schwarzen Kaffee.


Neugierig beobachte ich die mir so fremden und eigenartig wirkenden Menschen, während ich mir aufregende Geschichten ausmale und mir ihren Alltag vorstelle. Wie ihr Leben wohl aussehen mag?

Hastigen Schrittes laufen sie an mir vorbei, da sie bestimmt schon wieder wo anders erwartet werden... zack, zack macht auch vor Religion nicht halt...


Über die gepflasterten Gassen vorbei an den bunten Tüchern und wohlriechendem Weihrauch mache ich mich zack zack, wieder auf den nach Hause. Stoßstange an Stoßstange arbeite ich mich vor...

Aus meinem Autoradio dröhnt folgende Durchsage: Hitzewelle! Halten Sie inne und stellen sie sicher, dass sie kein Kleinkind im Auto vergessen haben!! Wie bitte???? Habe ich gerade richtig gehört? Kinder im Auto vergessen?


Wenn ich Gal erzähle, was ich heute verstanden habe, schickt er mich postwendend zurück in die Erste Klasse zur Hibro Seepferdchen Auffrischung.... Soll ich es doch besser für mich behalten?


Kurz darauf am Küchentisch ....

Gal nickt.

„NEEEEIINNNNN! Oder ???!!?!“, rufe ich fassungslos.

Beklemmt nickt er ein zweites Mal.


„Alle Jahre wieder, im Sommer“, fährt er fort, „sterben Babys und Kleinkinder im Auto, weil sie am Rücksitz vergessen wurden, die Eltern nur kurz wo hin wollten und die Hitze unterschätzt wurde.“

Ich schweige, während ich ihn geschockt anschaue und warte bis er das Gesagte revidiert. Tut er aber nicht.

Mein Kopf neigt sich zur Seite.

„Ich weiß, was du jetzt denkst und.....“

„Schlimm, furchtbar, unfassbar!“, platzt es aus mir heraus, während ich nach dem Salz greife. „Zack, Zack ……. Das ist doch nicht Koscha hier!!! Seid ihr denn alle von den guten Geistern verlassen???“


Ja, böse Geister hat das Land, aber auch die Guten...


Dieses Fleckchen Erde ist wahrlich nichts für zögerliche oder routinesuchende Gemüter, viel zu schnell ändert sich alles und überall.

Vielleicht aber, so scheint es mir , ist es das Land, in dem die Königsdisziplin des Marathon ausgeübt wird, da sie die extra Meile nicht scheuen. Allen anderen, hängt die Zunge raus!

Meine, ich sags ganz ehrlich, zieh ich manchmal hinterher...


Dann träume ich mich zurück nach Österreich wo jeder Urlaub nun wie Langszeit Kuraufenthalt auf mich wirkt, mein Puls sich wieder beruhigt und ich so schnell nicht mehr das Nachsehen habe... zack.. zack.. Danke, nein heute nicht!


Israel mit einem Bild:


Wie flinke weiß-schimmernde Fischschwärme aus dem Meer passen sich die Bewohner des Landes den aktuellen Gegebenheiten an, ändern in windeseile den Kurs, um ihre ungreifbare Form in einer weiteren Sekunde wieder zu verändern. Zack, zack, was gerade noch war, ist längst wieder vorbei...


Wie unter Wasser, bleibt auch hier nichts wie es ist.

Egal ob in der Politik - Heute Frieden, morgen Krieg und umgekehrt - auf den Straßen, in den Schulen, auf den Stränden oder am Markt.

Das Land ist und bleibt - Zack zack - ein ewiger „Ballaganist“ auf der Überholspur. Das Tempo, der Drive, mit keinem anderen Universum zu vergleichen. Und trotzdem oder genau deshalb, wer weiß das schon, fühlen sich so viele hier auf dem richtigen Planeten.








Link zum Zeitungsbericht Babies im Auto:

https://www.juedische-allgemeine.de/kultur/aus-den-augen-aus-dem-sinn/






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