Wo Liebe wirklich durch den Magen geht...

Stopp!!!


„Das ist Kurkuma nicht Curry“, ruft Jodoo mir hastig entegen.

Jetzt sehe ich es auch. Zwei sonnengelb gefärbte Gewürze, die sich in ihrer Konsistenz und Farbe kaum unterscheiden und sich zum verwechseln ähnlich sind.


„Die indische Küche“, sag ich behutsam, „ist eine Kunst für sich und DANKE, dass ich mit dir kochen darf. Aber ohne Strom? Ich kann doch gar nichts sehen!“


„Strom!“, er verzieht sein rundes Gesicht zu einer lustigen Grimasse. „Wer braucht schon Strom?! Das ist Indien! Hole mir bitte ein paar Kerzen aus der Schublade. Dort drüben müssten welche sein.“


„Aye aye sir!“


Schwungvoll schlendere ich durch den kleinen sporadischen Raum, als ich im Garten schnurrende Katzen erspähe, die sich trotz meiner Anwesenheit ihrer Routine nicht berauben lassen.

Faul liegen sie zwischen Bananenstauden und wilden Büschen, als die rote Sonne am Ende des Horizont der Dämmerung ihren Platz einräumt.


Lektion Nummer eins:


„Zuerst musst du die frischen Gewürze in der Handfläche reiben, damit sie ihr Aroma freigeben. Später arbeiten wir mit dem Mörser weiter“.

Mit gekonntem Druck reibt er die Koriander Blätter, Kreuzkümmel und Chili aneinander, während er den freigesetzten Duft tief inhaliert.

Pantomimisch ahme ich seine fließenden Bewegungen nach, als sich der exotische Duft mit der schwülen, salzigen Meeresluft verbindet.


„Die Petersilie!“ Überrascht sieht er zu mir rüber. „Was ist mit ihr?“

„Sie ist fertig, schau her!“

„Nein. Das ist sie nicht“, antwortet er ohne auch nur einmal zu mir aufzusehen.

„Schneide sie kleiner, du hast die Arbeit nur halbherzig gemacht“, nuschelt er leise, als das aufflackernde Kerzenlicht sich brüderlich mit ihm solidarisiert. „Der Kunde wird es dir danken!“


Grimmig lasse ich das „Nein“ sacken, hacke weiter auf das Grünzeug ein, will bis 5 zählen bevor ich ... „DAS WIRD ER NICHT!“, schon nach 2 Sekunden raus plärre.


„Er wird es nicht mal merken, kein Mensch nimmt Notiz von einer zu groß geschnittenen Petersilie!“

Mitleidig blickt er zu mir rüber.

„Jodoo, es tut mir leid, fahr ich aufmüpfig fort, aber ich habe keine Zeit mehr für Petersilie. Muss weiterziehen.“


Die charakteristische Kopfbewegung, die für uns „Nein“, hier in Indien aber „Ja“ bedeutet, gibt mir unweigerlich zu verstehen, dass ich mit dem Gestrüpp fertig bin, das widerspenstige Gestreu aber noch lange nicht mit mir.


Erkenntnis zwischen Kochlöffel und Muskatnuss:

Gut Ding braucht – GEDULD, die ich nicht habe!!


„Liebe geht durch den Magen. Hingabe und Glück auch“, antwortet Jodoo geduldig, als er mir beschwichtigend auf die Schulter klopft.


Ich: „Das hast du gerade erfunden!“

Er: „Ja. Trotzdem! Das ist dein Problem“.

Ich: „Was? Die Petersilie?“

Er: „Die Halbherzigkeit. Meditativ rührt er das Masala weiter.


„NEIN! Jodoo Ich bitte dich.“ Empört guckt er mich an.

„Wenn ich noch einen weiteren Motivations-Lebens- oder Weisheitsspruch hören muss, dann sterbe ich!

Ich schöre dir, es gibt keinen indischen Slogan der seinen Weg nicht in meine Social Media Kanäle gefunden hat.“

„Und?“, fragt er arglos weiter als ihm unbemerkt der untere Hemdknopf aufspringt.

„Und sie machen mich alle samt wahnsinnig!“

Erkenntnis zwischen Karadomon und Senfkörner:


„Die Mehrheit ist Experte in Achtsamkeit und Hingabe, sagt mein Handy.

Die Mehrheit hat nicht die leiseste Ahnung, sagt die Realität.“


„Haben wir schon Gäste?“, frage ich nach geraumer Zeit, als ich genüsslich den Kuchenteig vom Löffel schleck.

„Ja. Ein Gast sitzt draußen. Und für diesen einen Gast bereiten wir heute das beste Masala der Welt zu.“

„Der Glückliche“, denk ich mir, während ich ihn aufmerksam beobachte als er den frischen Koriander darüber streut. Es stimmt also. Liebe geht durch den Magen - ganz besonders wenn das Mahl aus dieser Küche kommt.



3,50 Euro am Tag.

Höchstens.

Weniger als hundert Euro im Monat.

Das ist der Lohn für seine Harte 15h Arbeit, sieben Tage in der Woche. Und trotzdem.

Er lächelt, wirkt genügsam und zufrieden. Ich lächle zurück, bin dankbar und strebe wie immer nach mehr.

Erkenntnis der Reise:

Es ist sehr einfach von sich zu behaupten, dass man bescheiden ist, solange man nicht weiß, wovon man redet.


Er: „Petersilie!“

Ich: „Was?!“

Er: „Jodoo, ich bitte dich!“

Ich: „Nicht schon wieder!“

Er: „Sie ist fertig, ich gratuliere dir. Deine Geduld hat sich ausgezahlt!“

Ich: „Du hast mich dazu gezwungen.“

Er: „Macht nichts. Fang jetzt mit den Kartoffeln an, du musst sie schälen, solange sie heiß sind“, sagt er freundlich und hackt dabei die scharfen, mir in den Augen brennenden, Zwiebeln.

Ein Dutzend verschiedener Gerüche und Eindrücke verzaubern mich in eine andere Welt. Der Kontrast zu zuhause könnte kaum größer sein.


Nachdenklich geht Mein Blick zu Boden.

„ Nein,noch keine Pläne“, antworte ich auf die Frage, was ich nach Indien machen werde.

„Du bist gerne hier, nicht wahr?“, fragt er, während sein warmes Gesicht mich freudig anstrahlt.

Lächelnd nicke ich.


„Du kommst von „hier“ nicht mehr so raus, wie du reinkommen bist, das solltest du wissen, sagt er mit Nachdruck, meinen Blick fest fixierend. Reisen verändert.


„Das weiß ich, antworte ich aufgebracht, Und das weiß ich auch.“

Prüfend schaut er mich an:

„Eure indische Art achtsam, zufrieden und hingebungsvoll zu sein, ist unser organisiertes, versichertes und regelmäßiges Leben. Ist das immer schlecht? Nein! Aber gut eben auch nicht. Ich fühle mich wie eine Seiltänzerin, die weder hier noch da reinpasst. Das ist mein ewiges Dilemma.“


„Immer wenn ich falle - und ich falle oft - immer wenn ich mich neu erfinden will – auch das will ich oft - immer wenn ich an mir zweifle - ich zweifle oft - dann bestätige ich all jene, die mein “wurzeloses“ Sein als Entschuldigung ihres ebenmäßigen Daseins missbrauchen. Das schmerzt.“


Rauch!

Das Geheimnis des blauen Dunstes erreicht meinen Rüssel.

„Wie geht es unserem Kochlehrling?“, fragt Likaman, der genießerisch an seiner Zigarette zieht und lässig am maroden Türstock lehnt.

„Ich fahre noch mal mit meinem Roller ins Dorf.“, fährt er fort, ohne eine Antwort unserseits abzuwarten. „Heute Abend legt eine Fähre an. Ich hoffen sehr neue Touristen ködern zu können“, sagt er spitzbübisch wie immer.

„Wenn das Essen fertig ist, serviert es bitte, unser Gast sieht schon sehr hungrig aus.

Der arme sitzt da schon mehr als eine geschlagene Stunde ohne etwas beißbarem an seinem Tisch.“


„Immer noch kein Strom!“, ruft Likaman aufgebracht, „es ist zum verrückt werden! Die Politik in diesem Land bringt mich noch mal um. Ich schmunzle. Dieses Problem scheint international zu sein.

„Ach, und bitte sei so gut, stelle unserem Gast eine weitere Kerze auf den Tisch bevor die jetzige verlöscht.

Im Übrigen, du kennst ihn, du hast heute für den Israeli gekocht!“, fährt er gefeixt fort, als er mir übertrieben zuzwinkert.


„Was???“, brülle ich entsetzt durch die Küche „Gal sitzt allein draußen?“


„Jetzt sehe ich ihn auch“, sagt Jodoo, als wir alle drei verstohlen hinter dem Türstock hervor luchsen.

„Seit du bei uns wohnst“, flüstert er leise, „kommt er häufig zu uns.“

Likaman nickt zustimmend.

„Na, der wer doch was für dich, oder?“, meint er frech.


„Nein, Nein und noch mal nein! Ich zieh nicht allein in den Himalaja los, reise quer durch das Land um dann einen Flirt mit dem „Nahen Osten“ zu haben! Nichts da! Keine Männer auf dieser Reise. Es bleibt, wie es ist!!!


Und jetzt rück mal zur Seite, ich will ihn besser sehen ...







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