Wilde Post!

( Indien)


Nichts.

Keine Adresse, keine Nummer, kein Nachname. Ich tappe im Dunklen - wie so oft.


15.00 Uhr: Dann sehen wir uns am Hafen wieder. Ich bin nicht gut in diesen Dingen, ob die Idee gut war?


Er hätte gleich mitkommen sollen und nicht ins Meer rüber gehen zum Schwimmen. Wegen dem bisschen Schwitzen, also bitte?! Jetzt transpirieren meine Drüsen alleine vor sich hin und wünschen sich sehnlichst seine Gesellschaft.


Mit mir reisen will er.

Auf die Little Andamans zum Wellenreiten - dann, wenn ich von Havelock zurückgekehrt bin.

Wie ich das finde? Ich überlege noch.


Damals.

Er war der Coole, in der Schule.

Ganz sicher!

Ich war das nicht.

Bedient mit Stirnfransen in erheblicher Schieflage, weniger beliebt als eine Selleriestange bei Steak-Essern, träumte ich von einer Karriere bei Greenpeace, sammelte Unterschriften gegen den Walfang und verschmähte meine erste Langzeit-Beziehung mit dem Dorfmetzger. Cool, nicht wahr?!?

Ja, ein ungleichbares Paar wären wir...


Ich komme am Hafen an. Keine Menschenseele ist zu sehen. Nur ich bin hier.

Und mein junger Rikschafahrer, der ist berufsbedingt auch da.

Wo sind denn all die Passanten? Ist der Planet nicht überbevölkert? Nicht hier.


Unbeeindruckt dessen, bezahle ich meinen Taxifahrer, verabschiede mich und schlendere zum Hafenschalter in die kleine Fabrikshalle.

Guten Tag“, sage ich zum zierlichen Angestellten im klimatisierten Raum, der hinter einer dicken Glasscheibe sitzt.

Fragend sieht er von seinem Stapel Papiere hoch und schaut mich an. „Ja bitte, was kann ich für Sie tun?“

„Ich habe eine Fähre für heute um 16.00 Uhr gebucht, warten Sie, hier ist mein Ticket“ ...


Ich durchsuche mein Tagebuch, das von Notizen, Papierschnipseln und Prospekten überqualmt.


Erkenntnis des Moments: Wie innen so auch außen. In meinem Buch sieht es aus, wie in meinem Kopf - ein heilloses Durcheinander.


Moment, hier müsste es sein ... Aufgeregt überreiche ich ihm mein zerknautschtes Ticket, das nach süßen Chai riecht.


„Na, Sie haben vielleicht Nerven, Miss“, raunt er gegen die schmierige Glasscheibe, und die Spucktropfen aus seinem Mund trotzen der Schwerkraft.

Entsetzt schaue ich ihn an.

„Hier draußen, die Anlegestelle, schauen Sie nur“, ergänzt er hektisch, als er sich über seinen alten Holzschreibtisch lehnt. „Die Leinen sind los,

Können Sie denn die Uhr nicht lesen“?

Eine kleine Armbanduhr am schmalen Handgelenk presst sich gegen das dünne Glas, während die zweite Hand aufs Pier zeigt.

Das Schiffshorn ertönt. Erschrocken drehe ich mich um.

Unmöglich!“ rufe ich entsetzt. „Es ist doch noch nicht einmal 15.00 Uhr. Das Schiff legt um 16.00 Uhr ab“

„Es ist drei Minuten vor 15.00 Uhr, Lady“, brüllt er lautstark zurück: „Wir laufen immer um 15.00 Uhr aus. Seit ich denken kann.“

Seine hohe Männerstimme hallt im kargen Raum, während das Echo mir in den Ohren summt.

„Nun geben Sie mir schon Ihr Ticket, ich stemple ab und dann laufen Sie!“


Nein, nein, nein... das muss ein Fehler sein... das kann doch nicht....


„Das dürfen Sie nicht“, rufe ich voller Inbrunst in sein schmales Gesicht.

„Gal ist noch nicht hier! Ich bin verabredet. Wissen Sie, was das bedeutet?“


Ich habe mich in der Zeit vertan. Ist das möglich? Ja, wenn man ICH ist ...

Ich könnte mich ohrfeigen! Soll ich, soll ich?!?


„Nein Sir, ich kann nicht, Sie verstehen nicht, ich habe ein Date! Das kommt sonst nie vor. Ich bitte Sie“.

Aufmerksam mustert der zierliche Mann durch seine starken Brillengläser.

Ich glaube, jetzt tue ich ihm leid.


Energisch fahre ich mit bebender Stimme fort.

„Er hat seinen Flug verschoben, ist aus Israel, und jetzt treffen wir uns hier, er kommt mit dem Fahrrad, wissen Sie?!?“


„Was?! Was sagen Sie da“? Er bleibt stehen, dreht sich zu mir um und rückt sich seine Brille erneut zurecht.

Tief atme ich ein und aus. Ich glaube, er hat verstanden...


„Was wollen Sie, Lady? Ihr Boot kriegen und nach Havelock übersetzen oder ein Date mit dem Israeli? Bei Brahma und Shiva, nun sagen Sie schon“!


„Beides. Brülle ich entsetzt. Ich will alles haben, her mit dem guten Leben, her mit Insel und Mann!“


Sein strenger Blick prüft mich von oben bis unten, als er a la indisch mit dem Kopf nickt. „Sind Sie sicher, dass Sie eine Verabredung haben“?

Ich schlucke. Wie gemein von ihm...


Die Straßen sind leer.

Von Gal ist weit und breit noch nichts zu sehen.

Wahrscheinlich glaubt er, ich bilde ihn mir nur ein. Mein imaginärer Nichtfreund wäre er dann ...

Ich muss mich fangen...

„Ich nehme ein späteres Schiff“, sage ich fassungslos. „Sie werden schon sehen, er kommt noch.“

„Nein!!! Miss, die Fähren sind ausgebucht, in den nächsten Tagen gibt es keinen freien Platz auf den Booten. Sie fahren jetzt oder bleiben! Entscheiden Sie sich.“

Jetzt schwitze ich noch mehr als zuvor. Dieser Stress....

Nein! Ich bleibe auf Kurs. Vier Wochen, vier Inseln.

Gal machte nicht eine Andeutung wegen mir zurückgekommen zu sein.


Ich kann nicht bleiben, wie sieht denn das aus? Als ob ich es nötig hätte?!?


„Miss?!? Hören Sie mich?! Kommen Sie schnell, die Fähre“, das Schiffshorn ertönt zum zweiten Mal. Sein greller Klang geht mir durch Mark und Bein.


„Halten Sie das Boot auf“, rufe ich rasch: „Ich muss noch mit“

Mein Tagebuch.

Es liegt hinten am Schalter, das darf nicht zurückbleiben! Denn eines Tages schreibe ich ein Buch. Oder Blog - wenn der Verlag nicht gleich anklopft. Hallo, ist da jemand??? Ich hätte Material ....


Hastigen Schrittes laufe ich den heißen Asphalt zurück, greife nach dem Lederbuch, als eine leere Postkarte zu Boden fällt.

Das Geschenk meiner liebe Freundin Leni.


Sie weiß, dass jedes Gramm einer Backpackerin im Rucksack zählt und ließ es sich trotzdem nicht nehmen, mir einen Talisman mitzugeben.


Ich sehe den Aufdruck, denke an sie und grinse. Besser hätte sie es nicht treffen können.

Erkenntnis des Moments: Enge Freude wissen immer wie du selbst.


Hysterisch mag mein „Haaaalllllloooooooo“ gewirkt haben, als ich mit den Armen fuchtelnd zum Rikschafahrer und seinen Freunden am Ende des Parkplatzes lief.

Schier ungläubig beobachtet mich der rauchende, von Testosteron durchströmte Haufen, als ich mich ihnen im Zeitlupentempo nähere.

Mein Fahrer geht auf mich zu. „Hast du was in meiner Rikscha vergessen“?

Ich ringe nach Luft. „Nichts vergessen.“ Meine Hände stützen sich auf die Knie...

„Der junge Mann- bei der Abreise, hast du ihn gesehen?“ Frage ich ihn mit dramatischen Atempausen in der Mitte des Satzes.

„Nein“ antwortet er cool. „Ich habe auf nichts geachtet“.

„Nicht darauf geachtet“? Wiederhole ich bestürzt.

Er verzieht sein rundes Gesicht und zuckt mit den Schultern.

„Okay“, fahre ich gestikulierend fort: „Jetzt hör mir zu, das ist von äußerster Wichtigkeit!“

Unbeeindruckt dessen blickt der Teenager mit der zu groß geschnittenen braunen Uniform in mein aufgebrachtes Gesicht.

Mir reicht es!

Mit beiden Händen fasse ich ihn an den Schultern.

Sein Gesicht verzieht sich erneut.


„Du hast eine Mission zu erfüllen!“

Rasch ziehe ich 70 Rupien aus meiner Hosentasche und übergebe sie ihn.

Der Ticket-Verkäufer mit der Brille auf der spitzen Nase positioniert sich neben der Fähre und ruft mir wieder ungeduldig zu. „So kommen Sie doch! Wo bleiben Sie denn?“

Mein Blick hängt am Rikschafahrer.


„Ben, du steigt jetzt auf dein fahrendes Moped mit Dach und findest Gal für mich, verstanden“?? Mein Zeigefinger zeigt abwechselnd auf seine markante Stirn mit dem roten Punkt in der Mitte und seiner Rikscha.


„Gal?“ Antwortet er ungläubig.

„Ja, ich weiß furchtbarer Name .... Keiner ist perfekt ... Merk dir das für später“


Zügig lässt er den umgerechneten Euro in seiner Hosentasche verschwinden. Als er an seiner feuchten Zigarette zieht.

„Und dann? Was soll ich ihm sagen? Ihm einen Antrag machen“?

„Sehr witzig, wirklich, du Spaßvogel", antworte ich prompt.


Aber wo er recht hat, hat er recht. Was soll er ihm sagen?

„Miss, Miss,“ ruft der Hafenangestellte erneut, „die Fähre!!! Ich bitte Sie, so machen Sie doch“...


Es ist höchste Zeit!


Sei der Held im Abenteuer deines Lebens.

Was für ein Spruch! Leni, deine Karte schickt der Himmel.


Ich konnte zwar keinen Wal in Japan retten, aber das kann ich tun.

Schleunigst ziehe ich die Postkarte mit den Eselsohren hervor, und kritzle diese Zeilen drauf


Dear Gal,

My boot left at 15.00

Sorry for that.

I will pick you up on Neil Island…as you wanted and me not

see you in 2/3 days in the beach 5 resort

Wait there for me.

Birgit


Hallo Gal,

Mein Boot lief um 15.00 Uhr aus

Tut mir leid..

Ich werde dich auf der Insel Neil abholen. So wie du wolltest und ich nicht.

Sehe dich in 2/3 Tagen im Guesthouse.



“Hier, nimm. Gib ihm diese Karte von mir“, sage ich hastig: „Und jetzt fahr los und finde ihn. Bitte. Er müsste mit dem Fahrrad auf dem Weg hierher sein. Blaue Augen, grüne Khakihose, Leinenshirt


Die zerknautschte Postkarte wechselt den Eigentümer, weit weg von Zuhause, irgendwo auf einer Insel im Indischen Ozean.


Seine Reaktion sah ich nicht mehr, denn als seine Finger meine Postkarte berührten, ließ ich los, drehte mich um und lief, da das Schiffshorn zum dritten und letzten und letzten mal ertönte...







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