Wieviel bist du bereit zu geben?

102 Autos 325 Häuser

1.097 Bewohner

1 Bankkonto!!


Gibt es nicht? Gibt es wohl.


30 Autominuten von unserem Wohnort entfernt, liegt eines der vielen Parallel-Universen, die dieses ambivalente Land zu bieten hat.

Eigenwillig, befremdlich, romantisch, das waren meine aller ersten Gedanken, als ich über den verwinktelten "Stadtplatz“ spazierte.

Hier, hinter dem 4,5 km langen Maschendrahtzaun, wuchs er auf. An diesem Ort verbrachte er seine Kindheit und Jugendjahre. Hier werden seine Eltern die Pension antreten.



"Die Idee eines Kibbuz, ist die genossenschaftliche Siedlung gleichberechtigter Mitglieder, in der es kein Privateigentum gibt und das tägliche Leben kollektiv organisiert wird.“ Quelle Wikipedia


Kibbuz Hatzerim / Negev Wüste


Sie ist nur eine der vielen sozialistischen Vereinigungen, die wie Wüstenblumen aus der trockenen Erde ragen und das Bild der dürren Landschaft verändern.

Grüne „Bubbels“ werden sie genannt, die mit ihrer Fülle von Bäumen, Büschen und saftigem, grünen Gras der staubigen Wüste so beharrlich trotzen.


„Wie oft“, frage ich Gal, „bist du hier hinter dem Zaun umgezogen?“, als wir gemächlich über die bepflasterten Wege schlendern.


Menschen kreuzen unseren Weg und grüßen zuvorkommend. Sie tuscheln und beobachten uns genau.

Fast fühle ich mich wie in meinem Dorf. Jeder kennt jeden.


„Zu meinem 16. Geburstag, da zog ich, wie all die anderen, aus.„ Geschockt schaue ich ihn an. Hätte man mich in diesem Grünschnabelalter meinem Schicksal überlassen, hätte ich mich wohl mit dem BH stranguliert ....


New Generation!

Kleine, bunte Häuschen stehen am Ende der Straße und trotzen der Hierarchie des Erwachsenwerdens. Jeweils zwei Schulkollegen teilen sich eine Einheit.

„Alleine?????“, frage ich ungläubig. „Das geht doch nicht!“

Warum nicht? Das ist ein Kibbuz. Alle schauen auf dich, erziehen mit. Betreuer kommen auch vorbei. Jeden Morgen um 06.00 Uhr.“, entgegnet er mir gewohnt lässig.

Fasziniert spaziere ich durch die Testosteron-gesteuerte Straße.

Traumfänger, Poster vom kubanischen Freiheitskämpfer Che Guevara und ausgetrocknete Blumentöpfe zieren die Terrassen.

„Wo essen sie? Und wer macht die Wäsche und noch wichtiger, wer tadelt die Rotzlöffel, wenn die Lehrer die Faxen dicke haben?“

Gal grinst. „Warte ab!“

„Hier, siehst du, das ist die nächste Siedlung.“

Gespannt gehen wir den schmalen Weg entlang. „Und wer wohnt hier?“, frage ich neugierig weiter.

„Hier wohnen die, die zur Armee gehen. Drei Jahre die jungen Männer und zwei Jahre die Frauen.“

Mir wird schlecht. Frauen im Bundesheer?

An das bizarre Bild konnte ich mich am schwersten gewöhnen. Grüne Tarnkleidung, roten Fingernägel und die geschulterten Waffen.


Freiheit hat viele Gesichter, Staats-organisierter „Schutz“ auch.

Ich richte ein Stoßgebet zum Himmel. Gut, dass ich in Österreich geboren bin. Man hat ja auch die Möglichkeit aber ich beim Grenzschutz?!? Mein Land wäre für immer verloren!

Wir gehen weiter, ziehen an den saftigen Pomelo Bäumen, die uns unter der Sonne den so wichtigen Schatten spenden, langsam vorbei.


„Wirklich?“, frage ich weiter als ich einen Blick hinter die Büsche werfe.

„Hier hast du deine ersten 12 Lebensjahre verbracht und dann seid ihr umgezogen?“

„Ja.“, antwortet er ruhig. „Das Haus wurde einer anderen Familie mit drei Kindern übergeben. Meine Eltern und meine zwei jüngeren Geschwister zogen in ein kleines Haus.“

„Warum?“, fragend blicke ich zu ihm hoch.

„Weil wir dieses große Haus nicht mehr brauchten. Es hatte einen Raum zu viel.“

„Und dann?“

„Dann noch kleiner und noch mal kleiner.“

„Und jetzt?“, hake ich neugierig weiter.

„Aber das weißt du doch. Meine Eltern wohnen in einem kleinen Bungalow am Anfang des Kibbuz. So wie all die anderen Senioren.“


„Und warum das alles?“, frage ich verwirrt, während ich angestrengt versuche die neuen Informationen in meinem Kopf zu verarbeiten.

„Die Frage ist“, antwortet er Stirn runzelnd, „warum nicht?“

„Na, weil man vielleicht an seinem Haus hängt?!“

„Genau deshalb gibt man es auch gerne den Nächsten weiter.“

„Fremden??“, brülle ich schockiert.

„Nein! An Kibbuznik, das sind die Bewohner eines Kibbuz.“

„Das ist dasselbe, raune ich erbost.“

„Nein. Ist es nicht.“


„Würdest du unser Haus auch "anderen" geben?“, frage ich beängstigt weiter?

„Natürlich. Du etwa nicht?“

Schweigen.


Mir wird schwindelig. Nichts als Widersprüche hier. Das muss ich erst mal sacken lassen.


- Tirol – Wüste

- Kapitalistisch - sozialistisch

- Regen – sonne

- Deutsch- Hebräisch


Wir gehen weiter.

„Ist das ein Volksfest?“, frage ich perplex als sich große Schiebetüren öffnen und unzählige Menschen mit vollen Essens-Tableaus einen Sitzplatz suchen.

„Nein. Kein Fest. Das ist unsere Küche oder Essenshalle.“


„Ich esse hier aber nicht gern“, flüstert er mir leise zu während er von Passanten immer wieder begrüßt und liebkost wird.

Ich grinse. Er ist wie Micky Mouse im Walt Disney Land. Jeder will ein Stück vom seltenen Gast.


Das riesige Buffet erstreckt sich quer über den Raum. Fisch, Schnitzel, Huhn, Beilagen, unzählige Salate und Saucen befüllen die heißen Alubehälter hinter den großen Tischen und Stühlen. Jeden Tag aufs Neue. Mittags, morgens und abends.

Ich komme aus dem Staunen kaum mehr raus und luchse hungrig hinter dem Suppentopf hervor.


„Warum nicht? Warum isst du nicht gerne hier?“ Das ist ein Schlaraffenland! Jeden Tag Buffet, Abwäscher, etc.. Nie mehr dreckiges Geschirr! Campieren würde ich hier!“


„Ich esse nicht gerne mit der ganzen Familie.“

Mehr als 200 Menschen wuseln um uns herum.


„Und wo ist die Kasse, wenn ich fragen darf?“

„Baby. Hier gibt‘s kein Geld.“


Bitte??“, rufe ich fassungslos. „Aber wie? Ich kann doch nicht nehmen und …“

“Zahle ich, wenn ich bei deiner Familie bin?, entgegnet mir Gal mit einem Schmunzeln.

„Natürlich nicht.“

„Na eben!“

„Das ist aber nicht dasselbe!“

„Ist es doch. Das ist meine Familie"


100 Hände-Schüttler und zwei volle Mägen später ziehen wir unseres Weges weiter.

Wascherei, Näherei, Ärzte, Kindergärten, Freibad, Tennishallen, Keramik Öfen, Gärtnerei, Zoo, Fabriken, Kühe, Melkanlagen, Lebensmittelgeschäft, Fabriken, Friedhof - hier gibt es alles! Es fehlt an nichts.







„Hier ist es wie im Vatikan“, sag ich aufgeregt. „Nicht ganz“, grinst Gal. „Wir zahlen Steuern, der Vatikan kassiert sie.“


Circa 50 polierte Motorhauben strahlen mir entgegen.

Sprachlos sehe ich mich auf dem großen Parkplatz um.

„Hier. Ein Computer an der Hausmauer?“, rufe ich Gal zu. „Wofür ist der?“

„Dort drüben ist das „Gemeindeamt“, die Zentrale des Kibbuz. Die Verwaltung, wenn du so willst.“

„Und die Autos? Die gehören euch auch nicht?“

„Die Autos gehören uns allen“, feixt er lächelnd zurück.

„Da, schau. Hier trägst du dich mit Zeit und Datum ein. Unten kommt dann der Schlüssel raus.“

„Wer tankt?

„Der Kibbuz.“

„Die Versicherung, wer zahlt die?“

"Der Kibbuz.“

„Und wenn du einen Unfall hast??“

Dann erkundigen sich 800 Menschen nach deinem Wohlbefinden.“

„Und das Auto? Wer repariert das?“

Er grinst erneut.


„Aber wissen Menschen das alles zu schätzen, wenn es für alle da ist?“

„Ja. Genau deshalb.“


Beeindruckt schau ich mich um. Gal liest meine Gedanken.

„Es ist egal ob du Arzt oder Putzfrau bist. Alles fließt auf ein Konto. Du gibst was du hast und bekommst was du brauchst. Keiner ist besser, keiner ist schlechter. Jeder ist gleich viel wert und trägt zum Wohl des Ganzen bei.“

„Aber schürt das nicht Unmut untereinander? Ich meine, eigentlich zahle ich mehr und bekomme auch mehr.“

„Nein! Geld existiert hier nicht und trotzdem sind wir hier alle sehr wohlhabend. Der Arzt braucht einen sauberen Raum zum Operieren, die Präsidentin des Kibbuz benötigt die Kindergärtnerin für ihr Baby, der Koch braucht den Mechaniker usw. Einer für alle, alle für einen.“


„Und wenn jemand keine Arbeit hat?“

„Dann arbeitet er im Kibbuz für das Wohl der Gemeinschaft. Hier gibt es immer was zu tun.“

„Fliegen und shoppen könnt ihr nicht. Wer kein Geld hat, kann nicht buchen, nicht bummeln.“

Baby“, antwortet er geduldig. „Jede Familie kann reisen, hat Geld für Geschenke, Restaurants, Kino und Friseurbesuche etc. Es ist nur anders geregelt. Als Kibttuznix kannst du nicht immer – sofort - und überall... aber irgendwann dann doch.“

„Und genau deshalb“ fährt er fort, „kann man sich mehr leisten als manch anderer. Teilen spart.“

Alles was ich weiß, stell ich jetzt infrage.


„Wie hat es dir gefallen?“, fragt Dan, Gals jüngerer Bruder, als wir von der Tour zurückkehren und uns müde an den Tisch setzen.

„Ich werde morgen meine Bank anrufen“, sag ich überwältigt, „und den Bausparer auflösen, irgendwie macht das jetzt alles keinen Sinn mehr.“

„Es gibt viele Arten zu leben. Das ist eine davon.“

PS: Gal verlies die Gemeinschaft schon lange vor meiner Zeit. Er entschied sich für ein individuelleres Lebenskonzept, auch wenn der Kibbuzim stärker ist und immer wieder in ihm durchkommt.

Für alle, die mehr darüber wissen wollen:


Autoren Tipp: Amia Lieblich ( Autorin und Psychologin – Schrieb mehrere Bücher über das Aufwachsen und leben in einem Kibbutz)


Filmtipp: sweet Mud- Im Himmel gefangen


Kibbutz Website: www.hatzerim.org.il



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