Wie viel Raffinesse steckt in dir?

Ja, ich sehe es ein!

Ich brauche professionelle Hilfe, so geht das nicht weiter.

Es gibt Grenzen, auch für mich!


Schon lange liebkoste mich sein Anblick und brandmarkte sich in mein Herz.

Heute soll es so weit sein.


Indien, Neil Island – 7. Dezember


10 km auf dem Rad ohne Gangschaltung liegen in der glühenden Hitze vor mir. Mein heutiges Etappenziel: der bunte Marktplatz, der am Fuße des verschlafenen Hafens liegt.

30 Grad Celsius brennen auf mich herab.

Ich bin völlig außer Atem und komme nicht vom Fleck.

Im Schneckentempo radle ich über die staubige Schotterstraße während sich mein klatsch nasses T-Shirt wie ein Oktopus an meinem Hüftgold festgesaugt.

Der abgetragene Fahrradsitz schmälert meinen sportlichen Ehrgeiz rapide und prompt kommt das ungute Gefühl in mir auf, dass in den letzten Wochen die Kondition wohl das Einzige ist, was drastisch abgenommen hat.

Meine Beuteltasche mit ein paar Habseligkeiten und etwas Bargeld hänge ich mir um den Hals, um beide Hände für die rostige Lenkstange frei zu haben.


16.00 Uhr

Das authentische Marktplatz leben begrüßt mich überschwänglich mit seinen tausend Farben.

Hinter den Dutzenden improvisierten Verkaufsständen bieten die einheimischen Marktfrauen laut rufend und mit viel pantomimischem Geschick ihre exotische Ware an.

Frischer Fisch liegt aufgereiht neben den aus Holz geschnitzten Elefanten, Cola Flaschen und den indischen Gewürzen.

Geschäftstüchtig wird verhandelt, gewogen und um jede Rupie gefeilscht.


Und dann war er da.

Erwartungsvoll blinzle ich in seine Richtung.

Sein wildwüchsiger grauer Bart verdeckt seinen oberkörperfreien ausmergelten Körper zur Gänze. Ein weißes Baumwolltuch ist eines der zwei Kleidungsstücke, die er auf seiner nackten und ausgetrockneten Haut trägt. Seine aufgeschürften, blutigen Knie stechen mir ins Auge und sind traurige Zeugen einer längst vergessenen Kaste.


Weitere drei pinke Dreadlocks gehören zu seiner majestätischen Mähne, die seinem markanten Gesicht Ehrfurcht verleihen. Die restlichen Rasters schützt er geheimnisvoll unter dem indischen Turban vor den neugierigen Blicken der vielen Passanten.

Konzentriert lässt der alte Mann im Sekundentakt seine Fahrradklingel läuten, um seiner Ware auf dem Gepäckträger Aufmerksamkeit zu verschaffen.

Wild flattern sie herum, gackern um ihr Leben, versuchen mit aller Kraft dem Tod in der Holzkiste zu entfliehen.

Aber ihr Schicksal ist besiegelt und ihr Kampf für immer verloren, damit er ihn gewinnen kann.

Langsamen, eleganten Schrittes nähert sich eine junge Frau im roten Sari dem ärmlichen Verkäufer.

Die in der Sonne glitzernden Arm- und Fußreifen, erzeugen eine rhythmische Musik und scheinen den Takt ihres leichtfüßigen Schrittes vorzugeben.


Nach kurzen, respektvollen Geschäftsverhandlungen ist der Deal besiegelt.

Zappelig beobachte ich sie aus der Ferne, während mein Blick an ihrem grünen „Bindi“ zwischen den markanten Augenbrauen nicht weichen will.

Entschlossen öffnet der Verkäufer seine Kiste und greift sich das erste Huhn. Instinktiv fasse ich mir an die Kehle.

Stolz zeigt der „vom Leben gezeichnete Mann“ seine Ware.

Beide nicken zufrieden.


Der Alte sackt schwerfällig auf seine gebrechlichen Knie nieder, legt den Kopf des Huhnes auf ein Holzschindel, greift nach seinem rostigen Messer, holt aus und hackt mit einem Schlag dem unterlegenen Tier, welches ein letztes Mal aufschreit, die Rübe ab.

Mit dem toten Getier in der Hand, rappt er sich langsam wieder auf, reißt die Federn vom leblosen Körper und verstaut sie in einer durchsichtigen Plastiktasche.

Die Überreste wirft er in den Graben bevor er der Dame in Rot feierlich den Beutel überreicht.

Mir ist schlecht. Nie wieder werde ich ein Huhn essen, meine heißgeliebten Chicken-Wings sind ab heute Geschichte! Dem Federvieh sei es versprochen!


Ich brauche einen Drink!

Geschockt steuere ich auf die einzige Bar zu, die die Insel herzugeben scheint.

Auf der Terrasse sitzen eine Handvoll einheimische Männer, die rauchend Karten spielen und heißen Chai trinken.

Akribisch beobachten sie mich als ich mich langsam dem heruntergekommenen Schuppen nähere.

Nur eine Schwingtüre trennt mich von der hoffentlich klimatisierten Bar und den kühlen Getränken.

Mit beiden Händen stoße ich die zwei klapprigen Schwingtüren nach innen auf, bevor ich den ersten Schritt hineinsetze.

Ich fühle mich wie in einem wild wild west Film, jetzt fehlen nur noch die Cowboy Stiefel und ein passender Hut.

Ausschließlich Männer leisten dem langen Holztresen Gesellschaft, lehnen dort, kauen roten Tabak und trinken Bier.

Mir wird anders. Was ist denn hier los?

Das 20. Jahrhundert hat vor diesen Türen wohl halt gemacht.

In meiner türkisen Schlapperhose werde ich begafft als käme ich von einem anderen Planten.


Der Stern von dem ich komme heißt Österreich, denk ich mir, während in meiner Vorstellung meine Hand Richtung Himmel zeigt und ich mich fühle wie ein Außerirdischer.


3 Meter liegen zwischen mir und der Bar. Na los, du kannst das!!!

Der staubige Zimmerventilator ist auf meiner Seite. Er läuft auf Hochtouren und ist bemüht die grantigen Gemüter wieder abzukühlen.

Ich höre nichts außer meinem Atem.

Theatralisch stützt der Barkeeper seine Hände auf die Bar während seine Finger wie auf einem Klavier über den Holztresen tanzen.


Verunsichert setze ich einen Schritt nach dem anderen.

Ich stehe in der Mitte des Raumes und überlege mir kurz umzudrehen und wieder rauszulaufen. Aber zurück ist gleich weit vorwärts und somit setze ich wagemutig einen Schritt nach dem anderen.

Was habe ich falsch gemacht?

Mein auf dauerhaften Insel-Flugmodus-Gehirn rattert auf Hochtouren.

Meine pure Anwesenheit reicht völlig aus, um alles aufzuwirbeln. Dafür sollte ich wirklich mal einen Preis bekommen!


5 waghalsige Schritte später erreiche ich die Theke. Mir ist mulmig.

„Nein! Nichts da!“, schimpfe ich mich im Stillen selbst aus. „Du bist so weit gegangen, du gibst jetzt nicht klein bei! Lass dich nicht unterkriegen!“ Langsam lege ich meine zittrige Hand auf den Tresen.


Erkenntnis der Situation: Niemand hat die Welt gepachtet. Jeder kann immer und überall sein.

Wo das noch nicht geht, gehört es geändert.


„Ja, der glitzert schön, nicht wahr?“, antworten meine Adler Augen, die durch den Raum schweifen.

Kurz erregt er die Aufmerksamkeit aller.

Mein Fake-Ehrring tut was er kann.

Seit Anbeginn der Reise ziert er meine Hand und bewährt sich als besseres Abwehrsystem als jeder lästige Pickel.


Fazit der Reise: Mit ein bisschen Raffinesse können Frauen sehrwohl alleine die Welt bereisen, sie müssen nur ein wenig um die Kurve denken & mutig sein.

Für die jenigen, die sich damit etwas schwerer tun (ICH), können auch das Faken.


Der Ladenbesitzer hüllt sich in Schweigen, nickt mir nur kurz zu.

Ich verstehe seine Gestik und bestelle zwei Bier. Zum Mitnehmen natürlich.

Ohne Worte dreht er sich um und verlässt den Raum. Da stehe ich also.

Die sündige Touristin, die es wagt, den Testosteron gefluteten Tempel zu entweihen.

Mein Mund ist trocken.

Ich bin so unendlich durstig, dass ich schon fast dehydriere.

Ich brauche dringend einen Schluck Wasser, den ich nicht bekomme.

Verlegen spiele ich mit meinem Feuerzeug.

Mein kleines halb feministisches Herz, schreit nach einer Zigarette, aber wenn ich mir jetzt auch noch eine anzünde, dann kollabiere ich endgültig.


Gott sei Dank sieht ER mich jetzt nicht, das wäre ja noch schöner! Nur einen kurzen Augenblick schwelge ich in Erinnerungen, dann kommt der Barkeeper zurück, reißt mich unsanft aus meinen Gedanken, überreicht mir die Flaschen Bier und fordert mich harsch zum Zahlen auf.


Welche Ironie! Ich stehe in einer Bar und werde verdursten! Das muss man erst mal schaffen. Aber der Bogen ist überspannt, und so muss das kühle Soda warten.

Rasch zahle ich und renne ohne mich einmal umzudrehen nach draussen.


Ich tauche im Getümmel des Marktes unter, kaufe mir bei nächster Gelegenheit eine grosse Wasserflasche und kippe sie in einem Zug hinunter.

Und all das wegen zwei Flaschen Bier, die im Guesthouse Kühlschrank von Lilkaman erwartet werden. Na, der wird vielleicht Augen machen, wenn ich ihm das erzähle....


Aber das muss noch warten, denn erst hol ich mir die professionelle Hilfe, die ich so bitter nötig habe.

Hier drüben, da ist es. Ich greife in meine Beuteltasche, die bis nach oben hin gefüllt ist.

„Real Washingmashine“, (echte Waschmaschine) diese Zeilen zieren das selbst gebastelte Straßenschild, als Wegweiser, um Reisenden, wie mir, den Weg zur Motor betriebenen Schleuder zu weisen.

Auch Backpacker, die das Reisen wie die Fische das Wasser brauchen, wollen ab und zu den Wischeimer in Kurzarbeit schicken, saubere Kleidung tragen, nicht immer stinken wie ein alter Esel.

Ja, wir Vagabunden sind eben auch nur Mädchen....


Erkenntnis der Reise : Wenn eine Waschmaschine dir ein Lächeln schenkt, ist das Glück nicht mehr weit ... Wetten?







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