Wie freundlich bist du wirklich?

Unverschämtheit!

So hätte ich das nicht gesagt und du wahrscheinlich auch nicht?!


„Beschreiben sie Österreich in zwei Sätzen:“


1. „Wir Österreicher sind sehr höflich.“

2. „Wir meinen es aber nicht so.“


Diese Aussage hat Christoph Waltz - nicht ich, Gott bewahre - in einer US-amerikanischen Talkshow gemacht, nachdem der Oscar gekrönte Österreicher seine Zelte - Pardon Villa - über dem großen Teich aufschlug.


Man (Frau natürlich auch) kann ihn mögen oder nicht, aber in einem ist er dir voraus. Nein, ich meinte nicht die Millionen auf dem Raiffeisen-Sparkonto und auch nicht den nackigen Goldheini auf dem windschiefen Buchregal, sondern das: Er ist sieht den Wald vor lauter Bäumen noch. Wir nicht. Entfernung schärft den Blick. Und seit ich, so wie er (Hollywoodstar und ich haben Parallelen), eine abenteuerliche Auswanderin bin, bekomme ich eine leise Ahnung, was er gemeint haben könnte.


Hier ist meine These


Fallbeispiel Nummer 1:


Was ist das? Wer könnte das sein?

Ein Taliban Entführer, der mich zum Gaza verschleppen will?

Ich bin allein zu Hause, als sich die Haustüre öffnet.

Jetzt quietscht die Kühlschranktüre. „Gal“, rufe ich, „bist du das?“

Nichts.

Der gemeingefährliche Kriminelle streicht sich gerade ein Butterbrot, ich werde ohnmächtig hier.


Ich bin im Büro und „spitze“ meine Waffen.


Merkwürdige Geräusche kommen näher.

Mein stumpfer Bleistift und das Lineal liegen wie stramme Soldaten neben mir und machen sich zur Attacke bereit.

3 Atemzüge später


In Zeitlupe verdoppelt sich der hauchdünne Türritze zu einem ausgewachsenen Spalt. Schnappatmung weicht einer normalen Sauerstoffzufuhr.


Mein Blick geht nach unten.

Heilige Mutter Maria!!!


Ein kleiner fettiger Speckfinger zeigt auf mich, während kugelrunde Augen mich verschmitzt anhimmeln und ein solo Milchzahn den roten Wangen einen bissfesten Blick verleiht.

Vor mir sitzt ein Wonneproppen. Nicht meiner, das wüsste ich wohl!

Erneut plappert der Eindringling in seinem feucht besabberten retro-grünen Overal das Wort „Ima.


Poka, meine Freundin, kommt hastig den Flur entlanggelaufen.

Entsetzt schaue ich in die beiden Gesichter. Ich bin ich sprachlos, das passiert nicht oft.


„Hast du Hunger?“, fragt sie ganz nebenbei als sie sich ihre pechschwarzen Haare seelenruhig zu einem Dutt bindet.

Verdattert nicke ich. Einen Happen essen könnt ich jetzt schon.

Kurze Zeit später


Sie schnippelt meinen Salat, beantwortet Whats App Nachrichten und zappt auf den TV-Kanälen hin und her, während ich wortkarg am Küchentisch hocke.

„Salz!“, sagt sie plötzlich, als meine Küchenschränke auf und zu gehen und das Durcheinander in meinen Schubladen ans Tageslicht kommt.

Falls du dich jetzt peinlich berührt fühlst, weil du so wie ich ein „Kasterlmessi“ bist, dann lass dir eines gesagt sein: „Chaos is a friend of mine“ das trällerte kein geringer als Bob Dylan, und wird's wohl wissen. Schweigend weist mein Finger ihr den Weg zum würzigen Weiß.


Erkenntnis zwischen Salz und Pfeffer: Kulturen kann man unterschiedlich auffassen. Freundlichkeit auch.


Mutig ist, wer Mutiges sagt.


Ich: „Was machst du in meiner Küche?“

Poka: „Kochen.“

Ich: „Und warum?“

Poka: „Mein Sohn hat Hunger.“


Schweigen.


Langsam legt sie das Messer auf die Anrichte und schaut mich prüfend an.


Poka: „Du hast gesagt wir können immer kommen.“

Ich: „Hab ich das?!“

Poka: „Erst Gestern wieder.“

Ich: „Ahhhhhhhhhh.“

Poka: „Du brauchst vorher nicht anzurufen, sagtest du.“

Ich: „Hmmmmmm.“

Poka: „Fühlt euch wie zu Hause, meintest du.“


Die Erinnerung an meine Worte kommt wage zurück.


Poka: „War das etwa gelogen!!??!??“

Ich: „NNNEEEIINNNNNNN!!!!!! „

Ich glaub mich streift ein Schlaganfall. Ich fühle wie mein linkes Auge zuckt.

Poka: „Lass dich auf keinen Fall von uns stören, ich bleib nur so lang bis die Putzfrau weg ist, weißt du.“

Ich: „Wie nett von dir!!“

Poka: „Thank you.“

Ich: „Ja,... danke auch!“


Bämm!

Jetzt hat sie mich eiskalt erwischt.

Ich wünschte ich könnte die Floskeln so meinen, wie ich sie sag, wenn ich sie sag. Tue ich aber nicht.... nicht im Entferntesten.


Fallbeispiel Nummer 2:

Es folgt ein Dialog zwischen einem Österreicher und einem Nicht-Österreicher.


Tali: „Ich hab sie schon fast alle durch. Nur das Schlafzimmerfenster noch, dann .....“


10 sec. Vorher:


Ein Hinterteil ragt aus meinen Büschen.

„Um Himmelswillen!“, rufe ich, „was machst du denn da??“


„Biiirgggiitttt!!“, begrüßt sie mich wie immer überschwänglich, als ich in die Einfahrt biege und sie sich emsig den Gartenschlauch greift.

Ich: „Holy Moses!“, schreie ich empört, „du putzt meine Fenster?“

Tali: „Ja, wenn es sonst keiner tut? Habe heute Nacht von deinen Fenstern geträumt, du raubst mir den Schlaf, weißt du?!?“ Ein zweiter Schlaganfall in dieser Woche, klopft spontan an meine Schläfen. Jetzt zuckt mein rechtes Auge.

Rasch legt der energetische Putzefroh den Gartenschlauch nieder, wischt sich den Schweiß in ihr ausgeleiertes T-shirt und schaut mich durchdringend an.

Tali: „Du weißt, dass ich einen Schlüssel hab, nicht wahr?“

Ich: „JA?!“

Tali: „Du hast gesagt, das ist TOTAL okay für dich.“

Wieder, ich kann mich dunkel erinnern ...

Ich: „Und wie ich sehe, benutzt du ihn auch?“

Tali: „Ja, natürlich, warum sollte ich ihn den sonst haben? Das macht keinen Sinn.“

Ich: „Natürlich sagt sie, ich glaub, ich spinn.“


„Mein Schlüpfer!!“, entkommt mir entsetzt, als ich am Eingang stehe und Tali mir vorwurfsvoll ins Genick schnauft.

„Nein!!!“, der hat es gestern nicht mehr ins Bad geschafft und springt mir jetzt als erster ins Auge.

Verschämt greife ich nach dem Teil. Jetzt ist es amtlich und jeder weiß es. Keine Geheimnisse im Heiligen Land. Ich bin ein Ferkel.


Du glaubst jetzt wahrscheinlich, dass ich übertreibe, tue ich aber nicht. Ich bin ein Schweinchen im schwein-freien Land. Und warum bin ich das? Weil Freundlichkeit Ansichtssache ist. Ich sag Sachen, die ich nicht meine und umgekehrt. Auch das ist Österreich. Auch das bin ich.


Die Revanche:


"Das hier ist ein österreichischer Abend, mit österreichischem Essen und österreichischen Manieren. „Heute liebe Gruppe (er)leben wir Kultur“, verkünde ich feierlich, während 6 Augenpaare aufgeregt auf das Flipchart im Wohnzimmer starren.

„Den gesamten Abend über“, fährt Gal fort, „werden Häkchen, Fleißsternchen und Pupshäufchen vergeben.“ Alles wird akribisch beobachtet und dokumentiert.

Am Ende des rot-weißroten abends wird ein Gewinner gekürt.


„Was bekommt der Sieger?“, fragt Tali aufgeregt.

„Einen innigen Händedruck und einen Schulterklopfer“, antwortet Gal wie immer nüchtern.

Und nach der Kultur“, fragt sie stirnrunzelnd waeherend sich ihre Stimme aufgebracht überschlägt?

Gal: „Eine zweite Nachspeise zum Mitnehmen.“

Das freut alle ganz ausser ordentlich. Denn Israelis, das lass dir gesagt sein, essen mindestens so gern wie wir flunkern.


Fair game!

Du weißt es, ich weiß es, aber sie wissen es nicht!

Deshalb werde ich heute entgegen aller rot-weiß-roten Instinkte das tun, was vorher noch keiner wagte. Ich sage die Wahrheit!

Kritisieren, zurückweisen und tadeln weichen einem verstohlenen Lächeln, verschmähten Nicken und der leisen Hoffnung, das der Gast nie

wieder kommt.

Denn österreichische Gepflogenheiten verstehen ausschließlich Österreicher. Alle anderen, wie wir jetzt wissen, tappen im Dunkeln.


"Pupshäufchen für alle“, rufe ich hysterisch Gal zu, der gerade den Aperitif einschenkt.

„Was?!?! Warum? Wir haben gar nichts gemacht“, dröhnt es empört durch unser Wohnzimmer.

„Sehr richtig“, antworte ich streng, „einen österreichischen Haushalt betritt man niemals mit Schuhen!“

„Barfuß? Ist es nicht schrecklich kalt in Österreich?“, fragt Liran als Gal mit 3 Paar Filz Patschen um die Ecke biegt.

Geschockte Blicke prüfen meine Reaktion. Die Armen hoffen, dass das ein Witz ist.


Kurz darauf:


Die Gruppe bestaunt den wunderbar gedeckten Esstisch mit polierten Gläsern, als Poka zunehmend nervöser wird.

Sie ist, wie auch Gal, sehr perfektionistisch und findet „scheißig“ gar nicht toll.

„Pupshäufchen und Pupshäufchen“, brülle ich schon wieder los, als Ohad von der Couch aufspringt und Tali sich an einer Olive verschluckt.

Ich: „Nicht naschen! Nicht hinsetzen!“

Tali: „Aber ich hab Hunger!“

Ohad: „Ich mach gar nichts.“

„Ich glaube, eure Kultur ist nichts für mich“, kommentiert Poka geknickt und greift nach dem Tischwein.

„NNNNNEEEEEIIIIIIIINNNNN!“, schreit Gal geschockt, „stell das Glas weg, um Gottes Willen!“


„Chuzpa!“ (hibräischer Flucher), plärrt Poka verängstigt zurück, „ich mach doch gar nichts!“

„Du kannst dir nicht selbst Wein einschenken, das geht nicht!“, entgegnet Gal ihr entsetzt.

Mit großen Augen schaut sie mich an.

Ich nicke stumm.


„Ab Mitternacht“, besänftigt Gal seine ehmalige Schulfreundin, „kannst du machen was du willst, da sind dann alle hinüber.“


„Wie bitte?“, plärre ich entrüstet zurück. „So siehst du mein Land der Berge?“ Ohne eine Antwort abzuwarten, fahre ich in Rage fort. „Nur zu deiner Information, wir betrinken uns nicht, wir nippen feierlich, das ist ein Unterschied bitte!“

Liran biegt um die Ecke.

„Und wo warst du denn jetzt, bitte schön?“, frage ich vorwurfsvoll, während ich beleidigt noch immer das letzte Kommentar von meinem Ehemann verdaue.

Liran: „Auf dem Klo, warum? Hab ich was verpasst?!“

„Joop“, antworte ich kurz angebunden, „während ich hastig vor mich hin nicke. Das hast du!! Und überhaupt kannst du dich nicht frei bewegen, das ist ja Wahnsinn!!


„Setzen!“

Alle nehmen sich ihr Glas und schauen konzentriert zu Gal.

Energisch reißt er den roten Edding an sich.

„Den Rest, liebe Freunde, machen wir besser theoretisch!“

„Punkt 1) Indirekte Fragestellung oder ein dezentes Abmelden, bevor man das stille Gästeörtchen aufsucht.“ Liran blickt beschämt zu Boden.

„Punkt 2) Die Hauseinrichtung, das Essen und die Frisur des Gastgebers werden gepriesen und gelobt.“ Vorwurfsvoll blicke ich in die Runde und setze dabei meinen mageren Pferdeschwanz dramatisch in Szene.

„Punkt 3) Lügen haben lange Beine! Willst du das wir Freunde bleiben, dann lern besser schnell das Schweigen. „Das versteh ich nicht?!“, nuschelt Foud, der sich gerade eine Zigarette dreht.


Gal: Ein Beispiel:

Gastgeber: „Hat das Essen geschmeckt?“

Freund: „Es war suuupeeerrr!“ (Lobpreisungen wünschenswert)

Gastgeber: „War es ausreichend?“

Freund: „Ich platze gleich!“, heißt, „ich kauf mir nachher auf dem Heimweg noch 2 Wurstsemmel.“

Gastgeber: „Wie gefallen dir meine neuen Vorhänge?“

Ein Freund, der das auch bleiben will: „Ein wahrgewordener Traum aus Polyester!!!“, heißt, „die Rindsroulade macht sich wieder auf den Rückweg!“

… und so weiter und so fort…


Mitleidig mustert mich die Gruppe, während sie stumm ihre rauchenden Köpfe schütteln.


„Wir wussten ja nicht, was du durchmachen musstest“, meint Tali plötzlich mit ungewohnt sanfter Stimme während sie mich liebvoll in den Arm nimmt „Das ist ja furchtbar!“, aber jetzt bist du ja da...



„Kultur verschlingt die Gastfreundschaft“.

Zitat von Georg Christopfh Lichtenberg...

Auch du kennst diese Situationen? Warum wohl? Weil du, so wie ICH, aus österreichischem Nadelholz geschnitzt bist.

Also nun sag schon, Hand aufs Herz, wie freundlich bist DU wirklich??

PS: Da heute Abend Gal und unsere Freunde den Text mit dem Googletranslator übersetzen werden, möchte ich noch eines sagen:

Danke, dass ihr den Spaß mitgemacht habt und vielen lieben Dank, dass ihr mich mit meinen österreichischen Marotten in eurer Mitte so herzlich aufgenommen habt. Toda Raba (dankeschön)! Christoph Waltz wäre stolz auf euch......










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