Olympischer Kampfgeist

Indien

26. November 2014

Ich lebe.

Gott hat meine Gebete erhört. Schon wieder.

Ein 1000 kg schwerer Kartoffelsack fällt mir vom Herzen, als ich meinen Fuß auf festen Boden setze.

Ein kleiner Schritt für die Menschheit, aber ein Großer für mich. Wer hätte gedacht, dass ich mich freue wuerde, heißen Asphalt einzuatmen?!

Und wer hätte geahnt, dass ich alleine an den Indischen Ozean reise?!? Also ich nicht.


Die 3,5 Stunden Flugzeit hatten es in sich!


Als sich die Türen öffnen und ich am Ausgang stehe, entwischt mir ein lautstarkes Halleluja! Erleichtert inhaliere ich die tropische Luft ein, während ich mein Gesicht der Sonne entgegenstrecke. Meine Schweißperlen auf der Stirn weichen den warmen wohltuenden Strahlen, die mich langsam aber sicher wieder wach kitzeln. Genau das was mein gebeuteltes Gemüt jetzt braucht.

Nahtoderfahrung hin oder her, Vitamin D kommt eben immer gut an!


Umringt von grünen, saftigen Palmen befindet sich unsere kleine, unscheinbare Landebahn. Nur ein paar Meter weiter steht ein dezentes Häuschen, das sich Flughafen nennt. Ein Dach, ein bisschen Beton und ein Schild. Nach mehr Aufmerksamkeit fragt die Hauptinsel der Andamanen nicht.

Sie gibt sich wie alle „ Großen “schlicht und bescheiden.


Das wenige Bodenpersonal auf dem Flughafen kann ich mit Leichtigkeit an meinen Patschehändchen abzählen.

Wenn ich mich hier so umsehe, kann ich nur schwer begreifen, dass ich noch im selben Land wie gestern bin. Alle bewegen sich hier langsam und bedächtig. Was für ein unsagbares Kontrastprogramm! Staunend sauge ich die ersten Eindrücke dieser surreal-indischen Parallelwelt in mir auf, während ich den Passagieren auf der heiß dampfenden Landebahn Richtung Ausgang folge.


Es ist schwül und tropisch heiß. Meine nassen an der Stirn klebenden Haare und der knallrote Kopf, sind im Moment der einzige Beweis, dass ich mich im Wachzustand befinde und doch nicht träume. Dieses wenig erfrischende Ebenbild meinerseits kann nur der Realität entspringen, denn so viel Fantasie hab nicht einmal ich. Und das mag was heißen!

Erkenntnis des Tages:

Man kann schön sein oder Reisen. Beides gestaltet sich in meinem Falle eher schwierig.


Die bildhübschen, indischen Frauen an den Check-out Schaltern haben sich nachweislich für Ersteres entschieden.

In bunte Saris gehüllt, lächeln sie mir freundlich zu. Im Gegensatz zu mir strotzen sie vor purer Lebensenergie und wahrer Erhabenheit.

Wie majestätische Boten der Insel überreichen sie mir den Schlüssel für mein auserwähltes Paradies. Jetzt ist es amtlich. Ich halte das Visum in meiner Hand. Der Lappen ist mein!


Erkenntnis Nummer 2:

Nur Inseln und ihre Bewohner können dich auf diese einzigartige Weise willkommen heißen. Mit einem breiten Lächeln grüße ich zurück.

Ich bin glücklich, voller Vorfreude und die Anspannung der letzten Stunden scheint endlich von mir abzufallen.

Was jedoch nicht abfällt, ist die Wirkung meiner Bedarfsmedikation. Sie hält sich standhaft wie ein stures Duracell Häschen aus den 80er Jahren.

Viel zu spät habe ich das Teufelszeug eingeworfen.

Meine Beine ignorieren die Kommandos, sie wollen nicht so wie ich. Auch mein Mund tut sich schwer ganze Sätze zu kreieren.

Was für ein unsagbar schlechter Zeitpunkt, um high zu sein…

Schunkelnd verlasse ich die Flughafenhalle, während ich den Rucksack wie einen aufmüpfigen Pudel hinter mir herziehe.


Draußen am Parkplatz schaue ich mich benommen um als ich auf der anderen Straßenseite fünf Rikscha-Fahrer entecke. Genüsslich trinken die Herren Chai und paffen an ihren Zigaretten. Neugierig beobachten sie mich aus der Ferne, während sie immer wieder an den kleinen Gläsern nippen und aufgeregt tuscheln.


Inder, das lass dir gesagt sein, tratschen und starren ganz offiziell. Von den europäischen Manieren, heimliche Audienzen hinter deinem Rücken abzuhalten, distanzieren sie sich ungeniert.

Langsam dämmert es mir. Mein erster Soloauftritt auf insulanischem Boden. Jetzt muss ich meine Frau stehen, benebelt hin oder her!


Zielstrebig, wie ich nun mal gar nicht bin, steure ich einen kleinen Kiosk neben mir an.

Auch ich kaufe mir für ein paar Ruppies einen Chai, ziehe meine in Mitleidenschaft gezogenen Zigaretten heraus und tue es den Herrn der Schöpfung gleich.

Was die können, kann ich schon lange! Wäre rauchen ein Sport könnte selbst ich bei den Olympischen Spielen mitmachen. Das jahrelange harte Training, muss sich ja schließlich mal bezahlt machen...

That”s my moment of glory!

Ganz wichtig: Egal was kommt, einer von den fünf muss auf mich zukommen, nicht umkehrt! So unauffällig wie möglich schiele ich immer wieder zu dem testosteron gesteuerten Rudel.

Aus meinem Blickwinkel sehe ich, dass die Fahrer lautstark über mich diskutieren.


Zwei Tassen Chai Tee und drei Glimmstängel später:

Situationsbedingte Erkenntnis: „Gut Ding braucht Weile - mehr Weile braucht Frau in Indien“.


Ein Fahrer geht auf mich zu. Na Endlich!

Wortlos setzt er sich neben mich. Beide nippen wir schweigend an unserer süßen Brühe.

Noch immer warte ich, bis der Gentleman in meinem Alter die Gesprächsrunde eröffnet. So viel Mann muss sein!

Er: „Da kommt keiner mehr raus oder?”, fragt er plötzlich, während sein Zeigefinger auf die kleine Ausgangshalle zeigt.

Ich: „Nein“


Er: „Das hab ich mir gedacht“. Unbeirrt fragt er weiter: "Und, weißt du wo die Reise hingehen soll?”


ICH: „Nein, ehrlich gesagt nicht“. Antworte ich verlegen.


Er nickt stumm.


ER: „Und wo wirst du heute Nacht schlafen“?


Ich: „Weiß nicht“. Jetzt, wo er so direkt fragt, komm ich mir doch ein wenig unorganisiert vor.

Schweigen


ER: “Du bist Europäerin, nicht wahr? Seid ihr denn dort alle so groß?“, fragt er lächelnd, während mich sein offenes, kontaktfreudiges Gesicht erwartungsvoll anstrahlt.


Ich lächle zurück, das Eis ist gebrochen. Der Fremde scheint mir wohlgesonnen zu sein. Das Glück der Alleinreisenden ist nach wie vor mit mir.


Ich: “Ja, das bin ich und lass dir sagen, ich fühl mich wie ein Riese in deinem Land. Ich überrage alle um 2 Köpfe. Das ist ein bisschen viel.“


Er: „Ja?“, fragt er, während sich seine Stirn in Falten legt.

Ich: „Aufmerksamkeit“ ....


Ein verstohlenes Schmunzeln zischt ihm über das Gesicht und sein indisches Kopfnicken scheint mir stumm rechtzugeben.


Er: “Es ist aber nicht mein Land“, ergänzt er grinsend.

Ich: “Wie bitte?“, frage ich verblüfft.


Er: „Du sagtest, in deinem Land“, antwortet er heiter, während er vor sich hin kichert.

Ich: „Du bist doch von hier oder etwa nicht??“.


Er: „Ja. Aber es gehört mir trotzdem nicht“, gibt er pfiffig zurueck.

Touché, denk ich mir, mein Rikscha-Fahrer hat gerade mehr Tiefgang bewiesen, als ich in den gesamten letzten fünf Jahren!



Erkenntnis des Moments: Weisheit macht vor keinem Halt und interessiert sich nicht für menschengemachte Grenzen.

„Na, komm schon, du Große,“ fährt er euphorisch fort, „ich weiß ein Plätzchen, wo du dich heute Nacht einquartieren kannst. Es wird dir gefallen, alle Backpacker sind dort“.

Das klingt vielversprechend, wie ich finde. Mein Retter ist also nicht nur gewitzt, sondern auch praktisch veranlagt. Das schätze ich sehr!

Eine halbe Stunde später:


Wir sind inmitten der beschaulichen Inselhauptstadt angekommen.

Er schultert meinen Rucksack und begleitet mich an die Rezeption, die sich im 5. Stock auf der offenen Dachterrasse befindet.

Natürlich haben wir keinen Lift, der uns nach oben befördert und somit keuche ich ihm und meinem Hab und Gut im Schneckentempo hinterher.

Das Haus wirkt schlicht aber sauber. Ich mag es auf Anhieb .


„Das ist sie“, höre ich ihn plötzlich sagen, während ich über dem Außengeländer hänge und nach Luft schnappe.

„Ich hab sie heute Nachmittag am Flughafen gefunden. Ich hoffe, du hast ein Zimmer für Sie?“


In Badelatschen und blauen Surfer Shorts rennt ein junger Rezeptionist auf uns zu und begrüßt uns herzlichst. Die zwei scheinen sich zu kennen und helfen sich wohl öfters gegenseitig mit Kundschaft aus.


„Welcome to Paradise“, sagt er nun auch zu mir, während er freudig an seinem Bier nippt und mir meinen ersten eigenen Zimmerschlüssel auf den Andamanen überreicht.


„We are very happy to welcome you!“








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