Kampfgeist


Indien


...24 Stunden vorher...


„Für viele mag es nichts Großes sein, für mich aber war es, als hätte mich der Kampfgeist von Erin Brockovich gestreift.

Revolutionär, ein wenig schlampenhaft aber sehr wohl mit erhobenem Haupte verlies ich mein Dorf, um das zu tun:“

20.00 Uhr – New Delhi:


Ein langer Flug geht dem Ende zu und ich komme in der Hauptstadt an.


Als sich die Türen meines Blechvogels öffnen und ich mein zerknautschtes Gesicht nach draußen strecke, haut mich der bestialische Gestank der indischen Großstadt beinahe aus den Baumwollsocken.

Das hatte ich ganz vergessen - Atmen ist hierzulande unmöglich!


Die hohen Temperaturen und die Duftnote aus exotischen Gewürzen, Schweiß, verfaultem Obst, stinkenden Füßen, Räucherstäbchen und Kerosin schlagen mich um ein Haar k.o. Benommen taumle ich über die Treppen des Fliegers.


Zu meiner Überraschung siegt mein müder Überlebensgeist. Geistesgegenwärtig (kommt alle paar 100 Jahre vor) bind ich mir meinen knallroten Schal ins Gesicht, um ernstzunehmende Langzeitschäden zu vermeiden.


Stylish wie ein farbenblinder Taliban kämpfe ich mich durch den überfüllten Flughafen Richtung Ausgang.

Benommen sehe ich mich in der Menschenmenge um. Indien ist vieles, aber vor allem ist es voll. Immer.


Hier bin ich eine unter Tausenden und trotzdem allein. Ich muss mich konzentrieren, am Riemen reißen und darf mir keine Fehltritte erlauben. Die Hauptstadt Indiens, der Hexenkessel der Welt, verzeiht keine Fehler.

Durchatmen - Neiiiinnnnn!!! .... Bloß das nicht ...


Für beklemmende Gedanken, alleine mit einem "one way ticket" nach Indien gereist zu sein, nehm ich mir keine Zeit. Die Angst schluck ich runter, bevor ich der Dame bei der Passkontrolle ungeniert in den bunten Sari rotz.


Einen Stempel reicher in meinem abgetragenen Reisepass fühle ich mich plötzlich beflügelt und zu allen Schandtaten bereit. Mein Kampfgeist ist erwacht!


Es ist stockdunkel als mein Tramper Rucksack und ich die Straßen Delhis betreten.

Die Monster Metropole ist lauter als ein AC/DC Rockkonzert. Alle Auto-, Moped- und Rikscha-Hupen dieser Stadt scheinen der Stille rigoros den Gar ausmachen zu wollen.

Jetzt heißt es Contenance bewahren - Welcome to the jungle!


Checkliste bevor man in ein indisches Taxi steigt:

1) Ein offizielles- und nur offizielles Taxi klar machen


2) Preis verhandeln


3) mit Rupien winken aber erst am Ziel bezahlen


4) Führerschein prüfen


5) Autoreifenkontrolle


6) sicherstellen, dass alle Autotüren vorhanden sind


7) Check, Check... Doppel Check!



Die erste Hürde im Soloprogramm auf indischem Boden ist genommen. Ich schmunzle und bin ein bisschen stolz auf mich, als ich meinen müden Hintern auf der Rückbank eines Taxis platziere.


Was für eine Stadt, was für ein Gestank, was für ein heilloses Durcheinander! Wer mich chaotisch nennt (viele), hat das nicht gesehen.

Mein Mund steht weit offen und so schnell lässt sich die Klappe jetzt auch nicht mehr schließen.


Die Stadt erschlägt mich. Im Eiltempo rattern wir an den unzähligen Slams vorbei. Die scheuen Lichter der tausenden Gaskocher, die unter den Welldächern als Zeugen der Armut stehen, werfen ihre Schatten in der Dunkelheit.


Mein Kamikazefahrer, ein junger einheimischer Draufgänger, der es wissen will, jagt seine Rostschüssel samt mir einmal quer durch die Millionenstadt, die mit keiner anderen Stadt zu vergleichen ist. Es ist mir, als wäre ich auf einem anderen Planeten gelandet. Schon wieder!

Es rumpelt alle paar Meter. Die Straße ist ein einziges Schlagloch. Mein Kopf stößt unterbrochen gegen das marode Autodach. Herr Gott, noch mal ... Also Trinkgeld bekommt der so jedenfalls keines ... Der spinnt ja!?!

Der graue Smog von Abgasen, Staub und Müll, der die Stadt Tag und Nacht in seinen schmutzigen Krallen gefangen hält, lässt mich die unzähligen Menschen auf der Straße erst in letzter Sekunde erkennen. Wie Geistesgestalten kommen sie aus der Dunkelheit hervor und klopfen an die Autoscheiben meines Taxis.


Wir halten an den roten Ampeln, wo sich dutzende halbnackte Kinder um unser Auto scharren. Entschlossen strecken sie mir ihre dünnen, verschmutzen Hände entgegen.

Der Fahrer brüllt mir zu, jetzt ja nicht aufzumachen.

Fassungslos blicke ich ihn an, während er in meditativer Haltung ein neues Räucherstäbchen neben dem Lenkrad entzündet.


Die Ampel springt um und mit quietschenden Reifen fahren wir weiter. Die Kinderschar huscht zurück an den Straßenrand, wo sie hungrig auf die nächste rote Welle warten.

Welcome to India! Auch das ist eines seiner 1000 ungeschminkten Gesichter.

30 Minuten später

Ankunpft im Shanti-Palace-Hotel

Ich checke ein und eile auf mein Zimmer, wo ein Doppelbett mit weißen Laken mir einladend entgegen strahlt. Ich bin angekommen - vorerst – endlich.


Diese 17 m2 sind mein letzter Luxus, bevor ich heute Nacht um 04.00 Uhr an das Dach der Welt weiterreise. Aber vorher lass ich's krachen, zum heilig werden, ist es morgen noch früh genug.

So unauffällig wie möglich schleiche ich mit anti-yogischer Tarnkleidung und Kippe im Mund über die schicken Flure des "five Stars" Hotels. In der Lobby finden sich mehr und mehr Menschen ein. Wir alle haben eines gemein.


14 Stunden holprige Busfahrt in die Himalaya Berge liegen vor uns. Das Hotel dient als Sammelstelle für uns angehende möchtegern Yogis.

Sch........?!?! Wie fromm sie alle aussehen?!

Mich beschleicht das ungute Gefühl, auch hier nicht rein zu passen. In gebückter Haltung verstecke ich mich hinter den Zimmerpflanzen und beobachte das shantige Yogi treiben. Nichts wie weg hier!

Mein Ziel: die Hotelbar.

Am Ort der Begierde, wo kein Yogi mehr zu sehen ist, stelle ich voller entzücken fest, dass meine innere Uhr noch funktioniert. Zeitverschiebung hin oder her. Es ist Happy Hour! Meine Mundwinkel ziehen sich automatisch nach oben. Ein gutes Zeichen, das Universum belohnt mich!


Fazit des Tages: Gott sendet Zeichen, man muss nur wissen, wie man sie zu deuten hat!


Während meine 41 Mitstreiter sich gerade literweise Kräutertee reinpfeiffen, schnapp ich mir meine Drinks und verkrümle mich aufs Zimmer.

Ausgelassen gröle ich zu Janis Joplin und springe ich auf meinem Bett herum als mein Handy vibriert.

Sie haben eine neue Nachricht:

„ Bist du schon in Indien? Was du auch immer gerade machst, hör sofort auf damit, hörst du?!?!? Nicht, dass sie dich heute Nacht aus dem Yogibus ziehen und sagen:


„Entschuldigen sie Fräulein aber hier sind sie falsch! Der Bus zur Betty-Ford Klinik geht eine halbe Stunde später“ ...










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