"Graudawausch"

Jetzt ist es aber auch wieder gut oder?


Ich weiß nicht, wie es dir geht, aber ich habe vorerst genug von Krieg und Zerstörung gehört.


Aufstehen, Krone richten, weiter machen. Dieser Satz könnte im wahrsten Sinne des Wortes ein Israelischer sein.

Das Leben geht weiter, hier auch...


Obwohl die letzten 14 Tage Spuren hinterlassen haben und ich gewiss noch mal darauf zurückkommen werde, will ich heute einen Switch machen und dich in meinen internationalen Graudawausch verführen. So viel Abwechslung muss an dieser Stelle jetzt einfach mal sein!

Meine „schrecklich nette Familie“ kommt aus allen Ecken dieser Welt und ich zeig dir heute, wie das aussieht.

Los geht’s:


Mein Mann hat einen Israelisch-Argentinischen Pass, da seine Eltern mutige Auswanderer aus Südamerika waren.

In jungen Jahren kamen die beiden nach Israel um sich hier auf dem harten Wüstenboden nieder zu lassen.


Gals Tante, die Schwester der Mutter, lebt mit ihrem Sohn in Mexiko City. Für sie war Argentinien, das Land der saftigen Steaks und des feurigen Tangos, zu steif. Muss ich mehr sagen?


Die ankerkannte Professorin, die (rein politisch gesehen) linker nicht sein könnte, hält weltweit Vorträge über Mauern und wie man sie wieder loswerden kann. Ja, der scharfe Tequila inspirierte sie zu Großem!


Ihr erster Ehemann, Hans, ein schweizer Schiffsbauer, hat sich nach der Scheidung in der Karibik niedergelassen, während Ehemann Nummer 2 in der größten Universität von Buenos Aires referiert. Die Patchworkfamilie pendelt regelmäßig zwischen den Weltmetropolen hin und her und sammelt Flugmeilen, wie unser eins Murmeln oder Einkaufsstempel vom Spar.


Gals jüngerer Bruder wanderte zurück nach Argentinien, wo er sich erst in das Rindfleisch und dann in die rassige Latina Schönheit verliebte. Die beiden gründeten vor Ort eine Familie und wenn sie nicht gerade „Hard Core Barbecue“ zelebrieren, was in Argentinien ein echter Volkssport ist, dann telefoniert er mit seiner Cousine Sofia die seit einem halben Jahr in Holland lebt. Die beiden pflegen eine innige Beziehung und lieben den regen Austausch quer über den Ozean.

Die Gute Sofi wiederum verlor ihr Herz an einen Rastafari aus Afrika, der sein Glück als DJ in Amsterdam versucht. Zuvor jedoch promovierte sie in Archäologie in Panama und wenn sie nicht gerade irgendwo im Nirgendwo heilige Fundstellen ausgräbt, dann rockt auch sie ganz un-archäologisch zu den heißen Afrobeats ihres Freundes.


Eine weitere Tante meines Mannes lebt mit ihrer Familie im Herzen von Paris und macht einen auf französisch. Sie sorgt für die nötige Eleganz die hier im Wilden Westen - pardon Osten - so rar ist. Wenn die Franzosen anreisen, ist der europäische Flair mit uns. Da nippen wir dann alle vornehm am sündhaft teuren Rotwein, während wir häppchenweise Camembert futtern und „Duckface“ Selfies schießen.


Kannst du mir noch folgen? Falls nicht, macht nichts! Ich verliere heute noch all zu gern den globalen Überblick ...

Unsere gute Freundin Tali, die man selten ohne Putzlappen sieht, hat marokkanische Wurzeln und adoptierte ihre zwei Kinder aus Kiev. Der Stammbaum ihres Mannes geht nach Polen und Russland zurück. Auf Wodka ist er aber nicht gut zu sprechen, er bevorzugt die schottische Mentalität und trinkt, wie es sich für einen wahren nicht Schotten gehört – Baileys.

Was soll ich sagen, das ist eben sein Lieblingsgetränk! Geschmäcker sind und bleiben nun mal verschieden.

Leistet Gal ihm Gesellschaft, ist das "Genuss-Kränzchen“ komplett. Auch er liebt das cremige Süßgetränk heiß und innig. Da kosten die Männer entzückt die zuckersüßen Drinks, während Tali und ich uns den selbstgebrannten Vogelbeerschnaps von meiner Mama reinziehen.

Ja, hier tauschen selbst wir gern die Rollen und geben uns unverschämt emanzipiert!


Foud fand vor kurzem heraus, dass seine Wurzeln bis nach Wien führen. Das machte ihn sehr stolz. Endlich, so sagte er, war auch er Teil großer Kultur. Insgeheim vermutete er schon immer, dass es eine innige Verbindung zwischen ihm und der Sachertorte geben muss.


Pokas Vater ist ursprünglich aus Belgien und ein Holocaust survivor. Ihre Mutter stammt aus dem Iran. Heute leben die beiden in Tel Aviv down Town und inhalieren, wann immer es geht, das internationale Geschehen. Mit Vorliebe essen die beiden belgische Waffeln und schlürfen genüsslich am dunklen Bier.


Meine gute Freundin Talyia verstaut ihre amerikanischen und dänischen Papiere zuhause, in einer der vielen Kibbuze der Negev Wüste. Vorher lebte sie in San Francisco, der Heimatstadt ihrer Mutter. Da es nur einen Katzensprung entfernt ist, konnte sie jederzeit nach Hawaii jetten, um dort den Honolulu Hula Tanz zu perfektionieren.

Noch heute schnappt sie sich mit Vorliebe ihren pinken Hula Hoop und übt den Hüftschwung, während sie sich zurück auf die Insel träumt.


Unsere Nachbaren Ari und Orit, die jetzt um zwei Fische ärmer sind (wir erinnern uns? Meine Nachbarschaftshilfe von letzter Woche, die für zwei Kaltblüter tödlich endete), führen einen zweisprachigen Haushalt, da der gebürtige Südafrikaner höchsten Wert auf die Mehrsprachigkeit seiner Töchter legt.

Die beiden aufgeweckten Gören boykottieren das intellektuelle Vorhaben des Vaters jedoch nur allzu gern und plärren lieber auf Hebräisch.


Meine liebe Schwägerin Shira - der Inbegriff einer guten Seele - hat deutsche Papiere. Ihr Papa, ein sehr guter und anerkannter Arzt in Israel, hatte schwäbische Eltern, die anno dazumal hierzulande eingewandert sind.

Shira erinnert sich noch oft und gerne daran, wie ihre Großeltern mit ihr Hoppa Reiter spielten.


Seine Frau, auch Ärztin aus Leidenschaft, ist Engländerin und schlägt mit ihrem typisch britischen Humor, dem Fass den Boden aus.

Die führende Diabetesärztin, die von ihr selbst behauptet, dass sie wie ein Kuchen aus sähe, ist der Kracher auf jeder Party.


Ich könnte noch ewig so weiter erzählen, tue es aber nicht!


Jede Medaille hat bekanntlich zwei Seiten und die zweite will ich euch natürlich auch nicht vorenthalten.

Aufgepasst: Folgendes gäbe es im internationlen Graudawausch dringend zu beachten:

- Erstens: Auf diese Weise stellt man relativ schnell fest, dass Deutsch doch nicht die führende Weltsprache ist (ich: Fellow from the egg specialist)


- Zweitens: Bedenke immer, dass es kaum noch ein Land gibt, wo man vor der eigenen Familie sicher ist. Das ist ein großes Risiko und gehört einkalkuliert.


- Drittens: Bei Skpe und Whats App Gruppen-Telefonaten (in Corona Zeiten Gang und gebe) vergehen mindestens 15 Minuten, bevor man sich auf eine einheitliche Sprache geeinigt hat. Einer zieht dabei immer das Bummerl - ich!

Das ist aber auch wirklich alles, was ich hier kritisch beäugeln könnte. Ein reger Kulturaustausch, verschiedene Sprachen und unterschiedliche Weltanschauungen, haben ja auch meiner Allgemeinbildung (nachweislich und jederzeit belegbar) kein bisschen geschadet.


Sollten wir jemals wieder zurück nach Österreich ziehen - ich lebe im Nahen Osten, das heißt, alles ist möglich und nix ist fix - hoffe ich, dass ich diese Weltoffenheit, den internationalen Graudawausch sowie das Fallaffelrezept von meinem Schwiegertiger mit im Gepäck habe! Denn, soviel Kultur und Fingerfood muss ab jetzt einfach sein!


Und ganz ehrlich so unter uns gesagt: „Diese drei Dinge könnten doch auch wir ein „bissal“ mehr importieren nicht wahr“?!? Nationalen schaden würd' sicher nicht anrichten.


Bunt, bunter , Ballagan! Denn, das Leben ist und bleibt einfach soviel mehr als Rom....






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