Dinner for one/ Teil 2

Vincent Van Gogh, 18. Jahrhundert.

Der hatte es auch nicht einfach.

Wie wohl seine Familie damals reagiert hat, als er verkündete, dass er Künstler werden will?

Luftsprünge haben sie wohl nicht gemacht.

Der arme hat sich gegen seine Bestimmung so sehr gesträubt, dass er für kurze Zeit sogar missionierte.

Ja, Gottes Wege sind manchmal unergründlich...


Sinnhaftigkeit zu finden ist zeitlos und niemals leicht, egal welchen Namen du trägst.

Irgendwie beruhigend, nicht wahr?

Gut.

Gut. Ich weiß, dass ich nicht Vincent Van Gogh heiße, kann ich ja nicht einmal eine Mietze malen, aber alle, die ihren eigenen Weg gehen und die abgetrampelten Pfade verlassen, haben sie.


Die Zweifel im Ohr.

Mein Pfad, der mehr Dickicht als Pfad ist, beschert meinem verwirrten Gemüt zwar kein abgeschlagenes Ohr, wie dem berühmten Maler, dafür aber folgendes:



Toll.

Ich habe einen Platten. Es läuft nicht rund.

Mein rosaroter Drahtesel will es heute also ruhiger angehen und nach Hause geschoben werden. Hört dieser Abend denn nie auf?!?!

Schwerfällig atme ich aus. Gut! Dann nehm ich das auch noch.

Harsch greife ich nach dem rostigen Gestell, das geduldig unter einer der vielen Kokos Palmen auf mich gewartet hat, als ich in weiser Vorahnung einen Blick nach oben wage.

Als ich mich vergewissere, dass keine Frucht mit der harten Schale auf meine Nuss runter purzelt, sehe ich sie:

Zu tausenden strahlen sie mir mit ihrem goldenen Glanz entgegen als die singenden Grillen im hohen Gras, ihrer klaren Erscheinung, eine helle Melodie verleihen.

Fazit des Abends: Wer nach oben schaut, kann die Sterne sehen. Wer auf den Boden schaut nicht.


„Kann ich dir helfen?“

Erschrocken drehe ich mich um.

„Danke, nein!“, antworte ich knapp.

„Hmmm, hier ist die Luft raus.“

Nicht nur hier, denk ich mir mürrisch während Gal sich bückt, die Stirnlampe aus seinem Rucksack zieht und das Loch in meinem Reifen inspiziert.

„Da kann man nichts mehr machen, das Teil ist hinüber.“

So wie ich, denk ich augenrollend, als ich ungeduldig auf der Stelle tappe und meine zottligen Stirnfransen in eine Richtung streife.


„Ich schiebe, kein Problem, in einer halben Stunde bin ich zu Hause!“, antworte ich nun noch ein wenig knapper als ich eingeschnappt die verbogene Lenkstange an mich ziehe.

Aus meinen Augenwinkeln sehe ich, dass er mich ansieht.

„Darf ich dich begleiten?“

Überrascht blicke ich auf.

„Ich habe eine Stirnlampe.“

Er will mich begleiten, weil er eine Lampe auf dem Kopf hat???

Auf dieser Insel gibt es 11 Autos und die Wahrscheinlichkeit, dass mich eins davon streift und in den Graben wirft, ist verschwindend gering.

Aber egal! Das nehm ich.

Denn, bei diesem Kaliber von Mann, darf Frau nicht klein karriert sein...


Langsam und bedächtig, schieben unsere Fahrräder nebeneinander her.

Defekte Straßenlateren ziehren unseren Weg durch die hochgewachsensen Palmen Allee und fast ist mir, als hätte ihnen jemand ihr grelles Licht ausgeknipst um Gal's kleinen Schein, den Vortritt zu gewähren.


3000 Schritte und 1080 Atemzüge lang schlendern wir gemeinsam auf der menschenleeren Straße.

Ein paar quirlige Glühwürmchen gesellen sich zu uns, begleiten uns heimwärts. Aufregt fliegen sie neben uns her.


Ich sehe es.

Angestrengt bemüht sich der Denker um einen Satz nach dem anderen. Seine leisen, flüsternden Worte passen sich wie ein maßgeschneidertes Kleid dem romantischen Moment, in Mitten des indischen Ozian an.


Ich schweige.

Grinse verstohlen und lächle hier und da.

Ich habe gerade allein zu Abend gegessen.

Das glich einer Mammutarbeit! Jetzt ist er am Zug!


Er ist kein Redner, das merke ich und trotzdem.


Bemüht erzählt er von Israel, seinem größten Hobby, sich frei in der Natur zu bewegen, vom Traum des Auswanderns und dass er wieder mit Holz arbeiten möchte.

Er liebe die Struktur des lebenden Organismus, seine Wildheit und Schönheit und was man aus ihr machen könne.


Der Eigenbrötler mit dem verruchten Dreitagebart hat genug gesagt.

Ein Naturliebhaber, Handwerker - der Inbegriff von Männlichkeit - und auswandern will er auch noch.

Danke, mehr brauch ich nicht hören!

Erkenntnis des Moments: Nieder mit dem ersten Eindruck! Die Gesetzmäßigkeiten laufen ab jetzt folgendermaßen ab. Einmal ist keinmal!

Vielleicht ist er ja doch kein Schuft?

Andy, mein hawaiischer Nachbar, sitzt auf seiner Bambus Veranda als wir beschwingt in meinem Guesthouse ankommen.

„Ihr wart gemeinsam essen?“, fragt er überrascht, stellt seinen Tee ab und winkt Gal zu sich.

„Nein!“, antworte ich ernst und schaue dem Drückeberger dabei tief in die Augen. „Ich habe alleine gegessen.“

Gal hüllt sich in Schweigen, verzieht keine Miene. Schon wieder!

Mein Spazier-Date setzt sich nach weiterer Aufforderung zu Andy, nachdem er die Hängematte zügig von seinen Kleidern befreit und Platz für Gesellschaft macht.

Zwei Männer, ein Stuhl, eine Hängematte, und wo bitte bleib ich?

Unbeholfen tapse ich auf meiner kleinen Terrasse umher, verstaue meine nassen Kleider und .... nichts!


Die zwei Unterhalten sich angegeregt.

Ich bin das fünfte Rad am Wagen. Andy hat ihn mir abgeluchst?!?!

Unbeholfen kaue ich an meinen Fingernägeln.

Jetzt lässt er mich wieder stehen?! Und ich dachte für einen kurzen Moment...

Mein Talent Menschen einschätzen zu können, scheint mir hier auf der einsamen Insel abhandengekommen sein. Oder war es überhaupt jemals da?

„Ich gehe jetzt schlafen!“, sage ich schmollend.

Andy schaut mit einem Blick zu mir rüber als würde er sich wundern, dass ich überhaupt noch da bin.


„Du gehst schon?“, sagt Gal überrascht.

Drei Worte, ein Blick. Mehr nicht. Das große Nah Ost Rätsel hüllt sich erneut in Schweigen.


Auch ich spare mir jede weitere Silbe während mein Briefkastenblick wieder fahrt aufnimmt und ich mir insgeheim wünsche, dass er seinen nächsten romantischen Spaziergang mit einem hohlen Stück Holz macht.

Die Bretter kann er gerne ignorieren, mich nicht!


„ Du bist müde?“, will er nun von mir wissen.


„Ja, das bin ich. Sogar sehr!“, antworte ich beleidigt.


Er legt seine Stirn in kleine Falten, seine blauen Augen haften an mir.

Ich flüchte mich in Ausreden, kann seinen Blick kaum noch halten.


„Ich habe zu viel gegessen, das macht müde.“

Er grinst. Grade so viel, dass man seine weißen Zähne sieht.

Das erzürnt mich erneut.

Ja, ja denke ich mir aufgebracht, ich esse zu Abend eben mehr als ein Tick Tack, das kannst du gerne wissen! Frauen haben Hunger, auch hier!

Dunkel ist es in meiner kargen Bambus Hütte, bevor das Kerzen Licht sie mit ihrem flakkernden Schein erhellt.

Zwei Stunden wälze ich mich schlaflos im Bett auf und ab, als ich höre, wie Gal vor meinem Häuschen steht und mir eine gute Nacht zu flüstert.

Mein Kopf dreht sich langsam zur Seite, wo ich durch die Ritzen meiner Türe erneut das Leuchten seiner Stirnlampe sehe. Er rührt sich nicht. Ich auch nicht.

Müde schließe ich meine Augen.


"Mancher Mensch hat ein grosses Feuer in seiner Seele, und niemand kommt, um sich daran zu wärmen.“

Aus diesem Zitat schließe ich, dass auch er Single war. Vincent Van Gogh.


Wer sagt‘s denn. Der große Meister und ich haben also doch Parallelen.


Ich werde, wie einst der große Maler, als Single sterben, ich weiss es genau!

Meine 50 Rupien habe ich verloren.

Ich schwelge in Erinnerungen und du gerade mit mir.


Gal ist seit Tagen auf dem Weg nach Goa....


Es blieb ein Dinner for one. Bis...








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