" big girls do cry"

Indien


Vor mir steht ein in die Jahre gekommenes Holzbett, die Matratze ist durchgelegen, dreckig und löchrig.

An der Zimmerdecke haben Spinnen ihre Fäden gezogen, während am Boden undefinierbares Kleintier krabbelt. Die Schalentiere teilen das Wohnrecht mit mir, denn wie es aussieht, sind sie schon lange vor mir eingezogen.

Dass mir nach so vielen Wochen Asien, Ungeziefer überhaupt noch auffällt, überrascht mich gerade selber.

Mein Blick schweift geradeaus, wo ich eine weitere Türe im 3 Quadratmeter großen Raum erspähe. Hier ist er also, mein erhoffter Luxus. Ein eigenes Bad.


Über dem WC mit eingebauter Spülung (in Indien durchaus erwähnenswert), ragt ein uralter Duschkopf aus der modrigen, abgebröckelten Wand.

Die grünen abgetragenen Fliesen sind so hässlich, dass ich sie schon fast wieder gut finde.

Retro Style auf Andamanisch! Hier tun sich gerade Welten auf.


Der Strom fällt aus. Alleine sitze ich im dunklen, muffigen Zimmer. Draußen bellen die Straßenhunde.


Mir reicht es! Ich kann mich nicht mehr beherrschen. Was zuviel ist, ist zuviel!

Zuerst der Abschied von Bella, später die beschwerliche Anreise hier her und nun das. Ich habe die Nase gestrichen voll und will nur noch eins - weinen.


Ja, big girls do cry! Aufgelöst schluchze ich vor mich hin.

Wie konnte ich nur, wie konnte ich nur?!!?!??

Auszug aus meinem Reisetagebuch:

„Liebes Universum, jetzt hörst du mir mal zu!


Ich bin meiner inneren Stimme gefolgt und heute auf den mir völlig unbekannten Andamanen gelandet.

Und jetzt? Wohin mit mir? Hier kann ich höchstens ein bis zwei Nächte bleiben, das Paradies stell ich mir nämlich anders vor. Ich werde mir jetzt selber noch mal gehörig in den Hintern treten, mich aufraffen und mich zum Abendessen schleppen. Du schickst mir dafür ein Zeichen, ein Prospekt oder einen Menschen, das oder der mich dahin führt, wo ich hingehöre. Aber ein bisschen dalli, wenn ich bitten darf. Mein Geduldsfaden schwindet minütlich!

Wenn ich zurückkomme, dann habe ich einen Plan in der Tasche und werde glücklich und zufrieden einschlafen. Bestellung in der nächsten Stunde ausliefern. Danke!“


„PS: sorry für den rauen Ton...“


Es ist so weit. Ich geb mir einen letzten Ruck. Hier werd ich ja schließlich auch nicht jünger nicht wahr?!?


Erkenntnis des Moments: Reisen ist kein 5 Stern Wellness Aufenthalt. Wer Grenzen überwindet, muss alles geben und hart im Nehmen sein!


Mit kaltem Wasser wasche ich mein verheultes Gesicht, atme tief durch und schleife mich auf die Dachterrasse, wo sich ein kleines Restaurant, gleich neben der Rezeption, befindet.


Es gibt keine Außenwände, nur ein Welldach, das sich auf Holzpfeilern stützt. Ich bin über den Dächern von Port Blair und es ist das erste Mal auf der langen Reise, dass ich die salzige Meeresluft einatme. Mein Blick schweift über die Insel, als ich Vögel in abwechslungsreichen Manövern über das Meer fliegen sehe. Auf einer Anhöhe weiter hinten steht ein Leuchtturm. Ganz alleine steht der stille Zeitzeuge am Rande der Bucht und bewacht den kleinen Fischerhafen.

Ich deute seine Anwesenheit als gutes Zeichen, denn wo er ist, ist mein Glück nie weit.


Ich schmunzle.

Vielleicht wagt es ja nur mein Zimmer sich von der scheußlichsten Seite zu zeigen und der Rest ist ausbaufähig?


Ein wenig ausgesöhnter mit mir, bestelle mir ein leckeres Abendessen.


Erkenntnis des Abends: Weinen, Reisen und Meer macht nicht nur frei, sondern auch hungrig.


Seit Stunden habe ich zum ersten Mal wieder was zum Essen und Internet. Beides habe ich gleichermaßen schmerzlichst vermisst und will jetzt aufgeholt werden.


Entzückt zupfe ich mein Handy heraus. Es ist höchste Zeit, meinen lieben, die neusten Koordinaten durchzugeben. Na, die werden Augen machen ...


Langsam füllt sich das leere Restaurant.

Gespannt beobachte ich das zum Leben erwachte Treiben.


Neben mir nehmen zwei junge Herren Platz. Die strammen Jungs machen Mut zur Annahme, dass sie Bergsteiger oder Kletterer sind.

Ja, meine Augen sind geübt, denn diesen Prototyp Mann, erkennt man als Tirolerin schliesslich immer und überall!


Ihre stoppeligen Dreitagebärte verraten mir auf Anhieb ihren Abenteuergeist, während ihre kurzen, ausgeleierten Hosen auf eine lange Reise mit „One Way Ticket“ hinweisen.

Ich könnte glatt die Assistentin von Sherlock Holmes sein, denk ich mir für einen kurzen Moment.

Spontane Eingebung: nicht vorhandene Karriere im Laufe der nächsten Wochen nochmal neu überdenken. Da ist noch Luft nach oben.


Einer der beiden fängt prompt ein Gespräch mit mir an und reißt mich aus meinen detektivischen Gedanken, während ich in akribischer Akkordarbeit mein Abendessen verschlinge.

Jetzt bin ich fast ein bisschen nervös, denn ich habe seit Stunden mit keinem mehr geredet. Ein weiteres Detail, welches man beachten sollte, wenn man alleine reist: Wer nicht schweigen kann, wirds lernen.


Die beiden, so erfahre ich, kommen aus Norwegen. Ich wusste es! Echte Naturburschen enttarne ich sofort.

Trotz ihres frischen Teints und jungen Alters, wirken die zwei Abenteurer gebeutelter als ich und das mag heute wirklich was heißen.


Nach einem kurzen warm up Small Talk über unsere Tische hinweg, Rücken wir zusammen. Peter, der aufgewecktere von den beiden, schüttet mir prompt sein Herz aus.


„Wir stecken fest“, sagt er aufgelöst. Zwei Tage sind wir schon hier.

„Das stimmt. Ohne Fähre geht gar nichts, die sind hier jedoch rarer, als wir dachten!“, kommentiert der introvertierte Adler zustimmend.


Beinahe verschucke ich mich an meinen trockenen Chapati. „Es gibt zu wenig Boote?“, frage ich geschockt in der Hoffnung, eine verneinende Antwort zu bekommen.

„Am Hafen herrscht ein wildes Treiben“, antwortet Peter, und fährt sich dabei mit beiden Händen durch sein schulterlanges, blondes Haar.

„Die Boote sind für uns alle da. Einheimische nutzen sie als Handelsroute und transportieren Reis, Wasser und andere Nahrungsmittel. Das braucht Platz.“


Fragend blicke ich in die beiden abgekämpften Gesichter, während ich an meinem süßen Chai nippe.


Peter holt tief Luft und fährt fort.

„Am Hafen gibt es zwei Verkaufscontainer, die sind aber Geschlechter getrennt. Erschöpft ergänzt er: „Ohne mit der Wimper zu zucken, ergattern sich die Männer mit gekonnter Ellbogentechnick einen Stehplatz in den vorderen Reihen, während sich die Handvoll Frauen in latenter Höflichkeit langsam aber sicher zur Kassa vorarbeiten.


Auch das ist eines der vielen Gesichter Indiens.

In reih und Glied stehen finden sie nicht sehr prickelnd!

Solltest du ähnlich wie ich Schwierigkeiten haben, deinen Platz im Leben einzunehmen, dann komm am besten hier her, denn dieses Land lehrt dir wie kein anderes, deine Position zu behaupten.

Mit höflicher Zurückhaltung, das sei dir gewiss, wirst du hierzulande auf die nächste Insel schwimmen, aber nicht segeln.


„Ihr braucht also weibliche Raffinesse?“, frage ich spontan, während ich mein Handy wieder in die Tasche packe. Wo soll die Reise denn hingehen?


„Nach Neil Island“, sagt Alder müde, während er an seinem Mango Lassi schlürft.

„Neil, sagtest du?“, frag ich neugierig nach. „Noch nie gehört.“

„Ja“, fährt er fort. „Es ist die kleinste und unbekannteste Insel der Andamanen. Insgesamt gibt es nur 11 Autos dort.“

Ich lächle. „Den Kohlendioxidausstoß haben die „Neiler“ also im Griff.“ Er kichert. „Ja, das haben sie. Und auch die Natur soll dort atemberaubend sein.“


"Das klingt fantastisch Jungs “, platzt es aus mir heraus, während mir die zwei hoffnungsvoll zulächeln. „Genau das habe ich gesucht, eine kleine Benzinfreie Insel , Natur pur und leere Strände.


„Du bist dabei? Wir können auf dich zählen?“, fragen sie aufgeregt und klopfen sich wie wahre Wikinger gegenseitig auf die Schulter.

„Oh ja, das bin ich!“, rufe ich laut und voller Freude. „Aber so was von!!!!“


Der frühe Vogel fängt den Wurm... Auch hier in Indien.


Wir verabreden uns für den nächsten Tag um 06. 00 Uhr morgens am Eingang, während glücklich Miteinander anstoßen.

Ein neues Abenteuer kann beginnen! So schnell geht das, meine Reise geht weiter.


Eine Stunde später:

Danke, liebes Universum, du hast mich wieder einmal erhört. Du bist besser als die örtliche Internetverbindung, das muss man dir lassen! Zufrieden krieche ich in meinen Schlafsack , stelle zwei Wecker anstatt einen und schlafe zufrieden ein......









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