Vulgäres Flittchen!

Damals in Indien...


Wer geht mit?

Rasch ziehe ich 50 Ruppien aus meiner Hosentasche.


„Ich halte dagegen“, antwortet Andy siegessicher. „Ist er erst mal weg, kommt er nicht mehr zurück. Hier ist mein Einsatz. Weitere 50 Ruppien fallen auf den Tisch.“

Verstört blickt Gal in die Runde, als er hilfesuchend meinem Blick folgt.


Rückblick

Mir brummt der Schädel!

Und ich dachte, dass ich mit Taktgefühl gesegnet bin.

Der berühmte Wiener Walzer, der durch meine österreichischen Adern fließt, hat mich gestern Abend gründlich im Stich gelassen.


Es ist kurz nach 20.00 Uhr.

Endlich.

Wir haben wieder Strom.

Die Lichtergirlanden über dem Open Air Restaurant erleuchten in vollem Glanze.

Tun, der quirlige Teenager, der seine Ferien bei Onkel Lilkaman und seiner Familie verbringt, hat Großes vor.

Er will auf die Bretter, die Welt bedeuten.


Ja, man könnte sagen, ein Hauch von Bollywood liegt in der schwülen, Sternen klaren Tropenluft, als die Manege sich für den jungen Künstler öffnet.

Andy, Lilkaman, Jodoo und zwei neue Gäste nehmen auf den Plastikstühlen Platz, die wir kurz vorher wie in einem Amphitheater aufgereiht haben.


Gal ist auch da. Er sitzt neben mir. Unter den Augen aller, lächeln wir uns verstohlen an, als die beleuchteten Lampions ihr warmes Licht auf uns werfen.


KKKRAACCHHH!!! Der knisternde Blickkontakt wird abrupt unterbrochen.


Indische Klänge, die aus dem alten Radio ertönen, begleitet von energischem Applaus, animieren TUN TUN zu hüpfen, drehen und springen, als ob er um sein junges Leben tanze.

Er ist in seinem Element, ich auch in meinem. Begeistert springe ich von meinen Platz und beschere ihm eine "standing Ovation".


Beinahe fühle ich mich wie in einem echten Bollywood Streifen. Es fehlt nur der rote Punkt auf meiner Stirn.


Zwei Zugaben später wirft er sich sein weißes Handtuch in den feuchten Nacken und setzt sich erschöpft auf den Stuhl, während seine Familie in stolz liebkost.

A star is born. Was für ein schönes Bild unter den indischen Kokospalmen.

Erkenntnis der Nacht: Mut macht glücklich und stolz.


Nein, niemand. Ausnahmslos!

„Keine Frau soll Indien verlassen, ohne den traditionellen Bauchtanz erlernt zu haben“, ergänzt Tun Tun, als er durstig an seiner Wasserflasche nippt.

„Ohhh, nein .... Bauchtanz!“


„Du hast es versprochen!“, raunt mir Andy streng von der Seite zu. Unliebsam gibt er mir einen Ruck. „Jetzt mach schon!“


Tun Tun betritt erneut die improvisierte Bühne und strahlt mir erwartungsvoll entgegen.

Ich ringe um Haltung.

Trockener Mund, feuchte Hände und ein Herzschlag, der bald zum Reanimieren anregt.

Ich wusste doch nicht, dass ER hier sein wird. Gott steh mir bei!


Jetzt du, komm schon Birgit!“, raunt mir die Hoffnung des indischen Ballets erneut entgegen.

„Whisky. Wenn nicht jetzt, wann dann?!?!“, rufe ich verzweifelt in die bunt zusammen gewürfelte Runde.

Lilkaman springt auf, eilt in die Küche, um uns mit Hochprozentigem zu versorgen, während Jodoo mir meine Schnappatmung schön redet ...


„Ich würde dich gerne tanzen sehen“, tuschelt Gal mir nun von der linken Seite ins Ohr.

Ich zucke. So nah ist er mir noch nie gekommen. Und wird er auch nicht mehr. Der Arme weiß ja nicht, wovon er redet...


„Na und du?“, frage ich ihn bittend als meine Stimme ihren Klang wieder gefunden hat. „Tanzt du mit?“

„N E I N, ich tanze nicht! Niemals!“, antwortet er reflexartig.“

Ein Spanner und Voyeur also, das wird ja immer besser.


Ich nehme einen kräftigen Schluck vom eisgekühlten Drink als Lilkaman mir bekräftigend zunickt.


Es ist so weit.

Eine Frau muss tun, was eine Frau eben tun muss. Und ich muss tun, was ich gestern versprochen habe.


Hier stehen wir aufgereiht neben unserem jungen Tanzlehrer. Eine makellose Schönheit, die sich für heute ganz besonders Schick gemacht hat, Andy und die, die nach dem Küchendienst noch immer nach Zwiebeln stinkt.


Festlich räuspert er sich.

„Liebe Dame, Andy und Birgit („sehr witzig!“, falle ich ihm Augen rollend ins Wort), lasst uns beginnen, schwingt eure Becken und kreist die Hüfte! SO! Schaut her!“

Mein Blick schweift zu Andy, der konzentriert unseren energischen Lehrer und dessen Hüftschwung nachahmt. Er hat leicht lachen, schließlich will er niemandem imponieren.

„Na los Birgit, setz deinen Popo in Bewegung!“, feuert der Sprössling mich an „und vergiss dabei nicht sexy zu lächeln.“


Lilkamans Frau dreht die Musik lauter. Andy sowie „die Neue“ mit ihren langen pechschwarzen Haaren, kreisen ihre sportlichen Hüften so sehr, dass ich ernsthaft bezweifle, dass das noch jungendfrei ist. Dieses vulgäre Flittchen!!!!

Wie soll ich hier bloß mithalten???!?!?!?!?


„Trau dich Birgit, gut so!“, ruft mir Bollywood motivierend zu. „Geh mit der Musik, der Rest kommt von allein!“

Mein Gott, wenn der wüsste...


Das polnische Black Beauty zu meiner linken, badet in den Zurufen ihres Freundes, der sie mit dem Handy filmt und immer wieder diesen einen Satz ruft: „Yeah Baby! Seht her, das ist meine Freundin! hoootttt wie chilli!!!!“

Mit abtuenden Handbewegungen und einem „ach das ist doch noch gar nichts“ schwingt sie ihre Hotpants zu den heißen Tönen und wirft dabei ihren Rossschwanz hinter die Schultern. Ihr Vorbau kommt unter ihrer glänzenden Mähne ganz besonders zur Geltung.


Wie soll ich jetzt noch punkten?

Beschämt und steif, als ob ich einen Besen zum Frühstück gefressen hätte, tappe ich neben ihr her.

Sie, top geschminkt, Highheels, körperbetontes Shirt und ein Höschen, welches zum aufgetunten Wonderbra passt ....

Und das alles hier, in der Einsamkeit, wo es nicht einmal einen Spiegel gibt ... Wie macht sie das nur??


Gal findet sie sicher supersexy!?! Wer auch nicht! Er müsste blind sein, um sich von dieser Erscheinung nicht blenden zu lassen.

Beschämt blicke ich in seine Richtung.


Fassungslos, empört, vielleicht sogar schockiert, ich weiß es nicht, sitzt er auf seinem Stuhl und rührt sich nicht von der Stelle. Seine Mimik ist eingefroren. Ich will mir gar nicht ausmalen, was in seinem Kopf gerade vorgeht.

Keine Sekunde lässt er mich aus den Augen.

Wahrscheinlich geht es ihm wie bei einem Autounfall. Es ist so schrecklich, dass man einfach hinsehen muss.


Die Show geht in die zweite Runde.


Ist es die schwüle Hitze, die Musik oder das polnische Schneewittchen, was mich jetzt mal gern haben kann ... Ich weiß es nicht ... Was hatte ich schon zum Verlieren???

Völlig losgelöst und ungeniert folge ich Tun Tuns Anweisungen… ich lass mich gehen .....


War es der Whisky, der aus mir sprach?

Gals entschlossener Blick, da bin ich mir sicher, ermahnte mich jetzt nicht aufzugeben. Sein Mund schwieg aber seine Augen teilten mir das mit: Gib alles, hau rein! Das ließ ich mir nicht zweimal sagen.

Meine Pratzen, die von der Hitze Tag und Nacht angeschwollen sind, strecke ich dem Himmel entgegen, während ich Barfuß mein Hinterteil von Westen nach Osten werfe. Ja, die nach Zwiebel stinkende war hier, um zu tanzen!


Ausgepowert, die Musik noch im Hintergrund laufend, setze ich mich in völliger Ektase zu meinem „Fan“.

Wortlos schaut er mich an.


Doch was höre ich da?

N e i n!

Hört er es auch?

Gott bewahre ....

Du kennst diese Situationen auch?

Da sitzt du neben deinem Schwarm im Restaurant, Kino oder Bus und dann das:

Kusszenen, Gegrapsche, Geschlabbere, direkt vor deinen Augen!

Ich seh schon, auch er hört’s.

Schneeflittchen und ihr Pantoffelheld erklimmen hinter verschlossenen Türen gemeinsam den Höhepunkt des heutigen abends und feiern das Finale privat. Fast.

Kurz überleg ich mich zu bekreuzigen. Mama Mia!!!

Empörte Blicke wandern umher.


„Die beiden verbringen die erste Nacht hier“, sagt Lilkamans Frau mit flüsternder Stimme und hält Tun Tun die Ohren zu. „Wahrscheinlich wissen sie nicht wie dürftig hier die Wände sind.“


Jodoo steht auf und dreht die Musik einen Ticken lauter. Dann noch lauter....

Lilkaman eilt wieder um den Wisky.


„ Aber was die können, können wir schon lange!


Feiern! Und laut sein, wenn auch zugeknöpfter!

Es ist Zeit, einmal erheben wir noch die Gläser!“ Einmal noch bevor er morgen ans Festland übersetzt...

Goa wartet und wir bleiben zurück....


Unsicher schaut Gal in die Runde, als er meinen Blick erspäht.

„Der kommt wieder!“, sage ich leise, während ich die Eiswürfel in meinem Glas schwenke und unsere Blicke sich erneut fixieren.


„50 Rupien. Wer geht mit?“











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