Einmal Goa und Zurück Teil 1


Indien Dez. 2014, Insel Neil Island:


„Wer nur schwarz-weiß sieht, ist farbenblind“


Der 5-wöchige Himalaya Yoga-Trip, wo mein Leben mehr Kopfstand als ich auf den Beinen,

die Stadt Puskar, wo ich ein Kamel oder das Kamel mich geritten hat, Risikesh, die wunderbare Stadt im Norden am Ganges, die erste Busfahrt bei Nacht und Nebel, alleine als Frau quer durchs Land, sind Geschichten, liegen weit hinter mir.


So wie Neil Island jetzt auch...




Nachdenklich schweift mein Blick ein letztes Mal durch die karge Bambushütte, bevor ich die Türe hinter mir schließe.

Die kleine Insel im indischen Ozean war Abenteuer und Heimathafen fern ab der Heimat zu gleich, zeigte sie sich mir jeden Tag von der schönsten Seite.


Alle Sachen gepackt?“, ruft Andy mein hawaiianischer Freund mir plötzlich von der Veranda zu.

Ja, ich denke schon, mehr gibt es nicht zu packen!“, antworte ich Gedanken verloren durch den offenen Türspalt, als ich mich ein letztes Mal umsehe.


Erkenntnis der Reise: „Wenn ich frei sein will, darf ich mich von der Gewohnheit nicht fesseln lassen.“

Ich habe ein Angst. Ein bisschen.

Ein Neuanfang fällt mir immer schwer und kostet Überwindung.

Egal worum es geht.

Aber wer Neues will muss altes hinter sich lassen...


Kapputt!

Der rote Kamm aus Holz ist in zwei Stücke zerbrochen.

Er sticht mir als erster ins Auge, als Amba, Lilkaman’s Frau, unter dem Baum sitzt und ich sie neugierig beobachte. Geduldig kämmt sie sich ihre frisch gewaschenen Haare mit dem Zackenteil.

Barfuß sitzt sie im Gras, als ihr Mann neue Glühbirnen für die Lichtergirlande sucht und Jodoos Kochduft aus dem indischen Gourme Tempel, meine Nase kitzelt...

Ohhhh, ich vermisse sie jetzt schon alle.... was werde ich nur ohne sie machen?


„Gal!!!???!!!“, ruft Andy lautstark, als ich meinen Rucksack nach draußen auf meine Veranda stelle.


Ich zucke. Drei Tage lang habe ich seinen Namen nicht mehr gehört.

Ich dachte an ihn. Hier und da. Nicht zu viel aber immer ein bisschen.

Was für eine eigenartige Begegnung das war?!?!

Ob ich meinen Freunden von ihm erzählen werde? Was sollte ich denn sagen?


„Aber wie ist das denn möglich?“, fährt Andy mit bebender Stimme fort, als er sich mit beiden Händen durch seine grau melierten Locken fährt.

„Wir haben dich vor Tagen verabschiedet!“


Amba hat aufgehört sich die Haare zu kämmen.

Sie steht unter ihrem Baum auf, streicht sich mit den Handflächen den Sari zurecht und blickt vor zur Schotterstraße.

Neugierig beobachtet sie Andy. Ich beochbachte sie.

Elegant greift sie nach dem gut gefüllten Haarwasch–Kübel und schreitet leichtfüßig hinüber zu den Büschen. Dort bei den Hühnern lehrt sie den schaumigen Eimer aus, während sie Andy mit ihren Augen fixiert.

Ihr Blick hellt sich. Sie zieht ihre Augenbraue hoch und grinst.

Jetzt dreht sie sich zu mir, ganz wenig, nur ich kann es sehen. Ihr Kopf wippt von links nach rechts, wie es nur Inder immer und überall tun... und wie immer, weiß ich es nicht zu deuten.


Ich stehe wie ein eingefrorenes Standbild auf meiner Veranda und beobachte wie die Statisten ihre Wege gehen. Irgendwas stimmt nicht?!?!

Ich sehe Andy, ich sehe Amba , Lilkaman und Jodoo sehe ich auch... Aber die Person hinter der letzten Hütte, nach der jeder Ausschau hält, die sehe ich nicht.


Ein Motor brummt auf. Lauter als ein Moped aber leiser als ein Auto.

Staub steigt auf.

Ich blinzle kurz, da all der aufgewirbelte Sand in meine Richtung bläst.


Erkenntnis des Moments: Der Gold-blaue Schimmer wird überschätzt , denn wahre Wunder erscheinen im Dreck.

Diese Tatsache macht das mit dem Wunder erkennen oft nicht einfacher, richtig?


Jetzt sehe ich sie!

Die bunte Rikscha, die hinter dem Wirbelwind mit 100 Sachen (30, bitte entschuldige, ich übertreibe gerne ) davon rast.

Ungläubig schüttle ich meinen Kopf, spiele mit meinen Händen und nage wie ein Hamster an meinen Fingernägeln. Was passiert hier?


Ich renne zur Schotterstraße.

Nicht laufen, ich zügle mein Tempo aber trotzdem eile schnellen Schrittes.

Ich bin ein speed-walker, denn mein Puls will mit mir davon sprinten. Mein neuer Sport??? Na, die werden zuhause vielleicht Augen machen. Ich als professionelle Spaziergängerin?!?!


Männlicher.

Eindeutig männlicher als jede Marienerscheinung steigt ER aus der Staubwolke empor oder hervor, so sicher bin ich mir da nicht.



Unfassbar!

Hektisch reibe ich mir die Augen.


Was ich jetzt denke? Ich weiß es nicht.

Was ich fühle? Das weiß ich noch weniger.

Was ich will? Wusste ich noch nie.

Vor Tagen verstummte die einsame Wolfsstimme. Jetzt flüstert sie mir, wie ein Phoenix aus der “aufgewirbelten Luft “ wieder Flausen ins Ohr.

Habe ich eine Insel-Morgona?


Ich fühle wie meine Schläfen pochen und zu wenig Luft durch meine Nasenflügel kommt... die zwei Klappen waren schon immer zu klein...

Soll ich was sagen? Was soll ich sagen? Nein, ich sag nichts.

Wie er da steht.

Unsicher? Selbstsicher? Ich weiß es nicht.

Sein Rucksack steht am Boden, ist an sein Knie gelehnt, die Trekkinghose ein bisschen staubig und das luftige Shirt lässig drüber gezogen.... Seine Denker-Stirn glänzt, er schwitzt. Von der Hitze?


Sein Blick fixiert mich, hält mich fest an unsichtbare Fäden.


"Du schuldest mir 50 Rupien, Birgit".

„ÄHHHHHH.“ ( Einfallsreich, ich weiß.)

"Du hattest recht, ich habe die Insel schneller vermisst, als mir lieb war".

Andy schuppst mich. Ach ja, der ist ja auch noch da.

Er kann nicht glauben, was er da sieht. Ich auch nicht.


„Und hier bin ich wieder.“


Ja, hier ist er wieder....


Wir stehen uns gegenüber. Weit genug entfernt, um uns nicht zu berühren, nah genug, um unseren Atem zu hören. ich atme schwer wie ein pensioniertes Walross. Oh Gott, das muss sofort aufhören!

Nach drei Tagen, wo ich ihn auf den legendären Goa Sausen glaubte und ich mir unzählige Szenen mit Freigabe ab 16 ausmalte, steht er jetzt vor mir, und?

Und ich schau wie ein Besen aus.


Setzen!!!!

Ich zucke und stoße vor Schrecken einen Schrei aus... „Haalllooooooo, jemand zuhause?“, sagt Andy plötzlich, mit den Händen vor meinem blassen Gesicht wachteld. Mit offenem Mund blicke ich ihn schockiert an.

Ich muss nachdenken. Kann es sein, dass ich „ÄÄHHHH“ gesagt habe??? Geistreich Birgit, sehr geistreich...

„Gut, dann sage ich es zum dritten Mal“, fährt Andy jetzt fort. Lasst uns gemeinsam hinsetzten und dann erzählst du uns alles in Ruhe... was für eine Aufregung hier....


Ich fühle mich wie in einem alten, verstaubten Film Klassiker, nur mit rosa roter Brille und jeder Menge Tamm Tamm.

Das Leben ist mehr als schwarz-weiß, wenn du Farbe rein lässt und es bunter siehst, das sollte ich mir ein fuer alle Mal merken...


Kommt hier der Ochse gerade zum Berg oder umgekehrt?

Ich weiss es nicht...


Mystisch – wie er nun mal ist - schultert er seinen Rucksack und geht Andy hinterher.


Sieht er so sexy aus, weil ...

Oder sieht er so unverschämt sexy aus, weil er wirklich sexy ist??!?!?! ich schwanke....

Wortlos tapse ich den beiden auf die Terasse hinterher. Ich trete in seine Fußstapfen, die beinahe so groß sind wie meine. Eigenartig, wie er seine Schritte wählt...


Fußkettchen schellen.

Amba reiht sich rasch neben mir ein, holt den Kamm raus und macht sich an meine Stirnfransen ran.

Entsetzt fuchtle ich herum.

„Gott- sei – dank!“, flüstert sie mir leise ins Ohr, „hat Tun Tun dir gestern noch die Augenbrauen gezupft! Als ob er es geahnt hätte.“

„Ich habe gelitten!“, antworte ich ihr ebenso flüsternd während wir weiter gehen. „Der dünne Faden strangulierte meine widerspenstigen Härchen zur Gaenze“. Aber ja, Timing ist alles...


Aufgeregt setze ich mich neben Andy und Gal.

Lilkaman, der alles aus der Ferne beobachtet hat, biegt mit Wasser um die Ecke und stellt es uns auf den Tisch.

Er zwinkert mir grinsend zu, während ich immer noch benommen meinen Kopf schüttle.

„Warum bist du nicht auf Goa?“, fragt er harsch, als er die Moderation übernimmt. „Und wenn du nicht weitergeflogen bist, wo warst du die letzten Tage?“

Ganz schön viele Fragen, denk ich mir so für mich... er ist ja fast so aufgeregt, wie ich...


Jetzt will auch ich was sagen, aber Andy erhebt mahnend seinen Zeigefinger und stoppt mich.

„Sch... lass den Mann reden, sonst erfahren wir nie was los ist... vielleicht ist er ja ausgeraubt worden?!?!“


Andy hat Recht. Ich muss mein loses Mundwerk zügeln. Heute und überhaupt.

„Hier Gal“, ergänzt Andy engergisch. „Trink einen Schluck Wasser und ich bestelle in der Zwischenzeit heißen Chai... dann erzählst du alles der Reihe nach.“

„Detail getreu bitte!“, platzt es jetzt wieder aus mir heraus. „Bitte Entschuldigung, ich bin schon wieder ruhig.“


„Ich war auf dem Weg zur Hauptinsel Port Blair, von wo aus mein Flug nach Goa gehen sollte. Dort stand ich auf der Fähre draußen am Deck, als das Boot sich durch das Wasser pflügte und die Insel Neil am Horizont immer kleiner wurde. Da wusste ich es.“

Er spielt er mit seinen Fingern, schaut zu Boden, die Stimme stockt.


„Was? Was wusstest du?“, schießt es wieder aus mir heraus. Jetzt sagt er es... jetzt kommt’s.....

„Ruhe!!!“, ruft Andy erneut mit bestimmendem Tonfall. „Lass den Mann doch reden!“

„Jaaa, Klappe halten, ich weiß.“


„Umbuchen. Das ich umbuchen muss“, beendet Gal den Satz nüchtern.

Andy und ich schauen uns ungläubig an.


Rumsch!

Geschirr klirrt. Nervös zucke ich zusammen.

„Pardon!!“, ruft Jooddoo aus der Küche, der vor lauter Lauschen hinter der Türe das Besteck fallen lies.


Umbuchen? Was zum Teufel....

Andy schweigt . Ich auch.

Wir überlassen Gal das Wort, auch wenn die langen Pausen kaum zu ertragen sind.


Ob er meinen Rucksack schon gesehen hat? Ist er wegen mir hier?? Nein, das kann nicht sein....oder etwa doch?










....Neugierg wie es weiter geht? Ich garantiere dir, es kommt anders als du denkst.. Teil 2 von einmal Goa & zurück folgt am kommenden Sonntag. Ich freu mich auf DICH! Danke für's Liken.

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